
Siegen, 29.01.2012 01:45 Uhr
Die Liste hochrangiger Redner beim Jahresempfang der Industrie-und Handelskammer Siegen (IHK) ist seit Freitagabend auch um einen EU-Kommissar reicher: Günther Oettinger, in Brüssel zuständig für das Energie-Ressort, war in die Siegerlandhalle gekommen. Und passend zu seinem Thema hatte er auch gleich einen Stresstest zu bestehen - und zwar noch bevor der Empfang überhaupt begonnen hatte.
Denn vor der Siegerlandhalle hatten sich rund 50 Kernenergie-Gegner eingefunden. Das heimische "Bündnis für den Atomausstieg" hatte mobil gemacht und Oettinger verbal in die Mangel genommen. Sie warfen ihm eine "Rolle rückwärts" vor, nämlich den Ausbau der Atomkraft statt der Einleitung einer Energiewende.
Vor der versammelten Unternehmerschaft aus Siegen-Wittgenstein und Olpe sprach der EU-Kommissar anschließend immerhin von "nachvollziehbaren Argumenten" für einen Atomausstieg. Doch ein klares Bekenntnis zu regenerativen Energien blieb aus. Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit der Energie forderte Oettinger unter dem Applaus der IHK-Gäste ein. Die sehe er bei einem kompletten Wechsel auf erneuerbare Energien derzeit nicht. "Die Spitzen sind nicht aussteuerbar. Positiv wie negativ", sagte Oettinger.
Da Strom derzeit "nicht speicherbar" sei, müsse man bei Engpässen in der Versorgung Energie teuer hinzu kaufen. Drehen sich die Offshore-Anlagen im Norden aber unter Volllast, wisse man gar nicht wohin mit all der Energie. "Wir müssen sie teils sogar mit einem negativen Preis verkaufen." Bedeutet: Strom geht mit Geld als Zugabe "für lau" an die europäischen Nachbarn.
Ganz im Sinne der Zuhörerschaft war Oettingers Forderung nach einer Deckelung des Strompreises. Der Arbeitslohn sei bei Unternehmern an die zweite Stelle bei den Argumenten für eine Ansiedlung gerutscht. "Die Energiekosten sind wichtiger geworden. Deutschland hat den zweithöchsten Strompreis in der EU. Es droht eine Abwanderung", so der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg. So interessant Oettingers Ausführungen auch waren - etwas mehr Lokalkolorit hätte man sich gewünscht. Mehr als ein "Ich habe großen Respekt vor der hiesigen Industrie" war ihm an diesem Abend nicht abzugewinnen.
Die Stärken der Firmen in Siegen-Wittgenstein und Olpe hatte andererseits zuvor IHK-Präsident Klaus Th. Vetter zu genüge gelobt: Krise gemeistert, sattes Umsatzplus erwirtschaft, Menschen in Lohn und Arbeit gebracht, über Maß ausgebildet.
Mahnende Worte richtete er an die anwesenden Bundes- und Landespolitiker: Die "sparsamen Sieger- und Sauerländer" seien es leid, dass dem Ruhrgebiet mit "unglaublichen finanziellen Hilfen" der Strukturwandel mehr oder weniger aufgezwungen werde, während er hier allein geschultert worden sei.
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