Vorfall in Offenbach

Chronisch krankem Mann geht es immer schlechter: Krankenkasse sorgt mit Entscheidung für Entsetzen

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Peter Kreuder leidet an der schweren Lungenkrankheit COPD. Obwohl er körperlich stark eingeschränkt ist und nachts sogar künstlich beatmet werden muss, will er nicht aufhören zu kämpfen.

Einem chronisch kranken Mann geht es immer schlechter. Die Krankenkasse sorgt mit ihrer Entscheidung für Entsetzen.

Offenbach – Peter Kreuder aus Offenbach hat viele Lasten zu tragen. Die chronische Lungenkrankheit COPD raubt ihm buchstäblich die Luft, nachts muss er künstlich beatmet werden. Seit einer Krebserkrankung vor einigen Jahren hat er zudem einen künstlichen Darmausgang. Auf dem linken Auge sieht Kreuder nur noch zu zehn Prozent, auf dem rechten zu 60. Seit 40 Jahren ist er in Behandlung wegen Depressionen.

„Aber ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagt er. „Ich bin ein Kämpfer und mache das Beste aus allem.“ Nun hat er einen neuen Schlag erlitten: Eigentlich wollte der 72-Jährige sich von der Techniker-Krankenkasse (TK) von Pflegestufe 2 auf 3 hochstufen lassen – doch stattdessen strich ihm die Kasse die Pflegestufe komplett.

Mann aus Offenbach leidet an chronischer Krankheit

Kreuder schildert den Hergang: „COPD habe ich seit 20 Jahren“, sagt er. Die Lungenkrankheit werde immer schlimmer. „Inzwischen habe ich die höchste Stufe von COPD, die es gibt.“ Rund um die Uhr ist er auf zwei Tanks mit Flüssigsauerstoff angewiesen, die ihm atmen helfen. Im April dieses Jahres findet seine Leidensgeschichte einen traurigen Höhepunkt: Kreuder bekommt eine eitrige Lugenentzündung. „Ich kam als Notfall ins Sana-Klinikum und schwebte in Lebensgefahr“, berichtet er. Knapp ist’s, aber er überlebt. Ein Arzt verordnet ihm die Beatmungsmaske, die er seitdem nachts tragen muss, um seine Lunge zu entlasten. „Jeder Mediziner, dem ich begegnet bin, hat mir danach gesagt: ,Sie brauchen eine höhere Pflegestufe’.“ Also stellt er einen Antrag bei der TK.

„Nach vier Wochen kam eine junge, dynamische Dame vom medizinischen Dienst.“ So weit es gegangen sei, habe er ihre Fragen beantwortet. „Das Wichtigste war, ob ich alleine aufstehen kann, ob ich mein Frühstück selbst machen kann und solche einfachen Sachen.“ Nun kann Kreuder zwar selbstständig aufstehen und sich mühsam fortbewegen. „Aber meinen gesamten Haushalt kann ich überhaupt nicht mehr bewältigen. Ich bin schwächer geworden.“ Das schätzt die Gutachterin offenbar anders ein. Am 10. Juli erreichen den Bewohner des Mehrgenerationenwohnhauses an der Weikertsblochstraße zwei Schreiben. Mit dem einen lehnt die TK eine Erhöhung auf Pflegestufe 3 ab.

Offenbacher wehrt sich: "Ich bin kein Fall, ich bin ein Mensch"

Die Voraussetzungen seien nicht erfüllt, heißt es. In den abgefragten Kategorien – Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, selbstständiger Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Belastungen sowie Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte – erzielt Kreuder gerade mal 2,5 der nötigen 47,5 Punkte.

Viel schlimmer ist für ihn jedoch das zweite Schreiben. „Sie können Ihren Alltag weitgehend selbstständig bewältigen“, heißt es darin. „Aus diesem Grund beabsichtigen wir, keine Kosten mehr für die Leistungen der Pflegeversicherung zu übernehmen.“

Kreuder ruft bei der TK an und bekommt zu hören, es sei eben jeder Fall anders. „Da habe ich gesagt: ,Ich bin kein Fall, ich bin ein Mensch.’“ Also legt er schriftlich Widerspruch ein.

Streit um Pflegestufe geht in die nächste Runde

„Das Widerspruchsverfahren läuft noch“, berichtet eine TK-Sprecherin auf Anfrage unserer Zeitung. Peter Kreuder werde deshalb in Kürze noch einmal von einem anderen unabhängigen Gutachter untersucht.

Zudem warte man noch auf eine schriftliche Stellungnahme des 72-Jährigen, in der er schildern soll, weshalb er die erhöhte Pflegestufe aus seiner Sicht benötige. Den Finanzhahn will die Kasse währenddessen nicht zudrehen. „Bis am Ende des Widerspruchsverfahrens eine Entscheidung getroffen ist, bekommt Herr Kreuder die gleichen Gelder wie bisher.“

Das Gutachten betrachte ausschließlich Aspekte, die in der Pflege eine Rolle spielen, erklärt die Sprecherin: „Ist das Gangbild sicher? Kann die Person selbstständig stehen und sich in einer stabilen Sitzposition halten?“ Bei Peter Kreuder sähen all diese Punkte recht gut aus. Schwierigkeiten, den Haushalt zu bewältigen, könnten belastend sein, räumt man auch auf Seite der TK ein. „Aber das ist kein Bereich der Pflegeversicherung.“

VON MARIAN MEIDEL

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