Aachen zeigt Albrecht Bouts' Passionsbilder

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Geschaffen zur frommen Meditation: Albrecht Bouts‘ Gemälde „Christus mit Dornenkrone“ ist im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu sehen.

Aachen - Der Blick Christi geht ins Leere, am Betrachter vorbei, aber eigentlich nach innen. Mächtig lang ragen die Dornen aus der Spottkrone, die dem Heiland bei seinem Martyrium aufgesetzt wurde, und aus den Wunden, die sie stachen, fließen kleine Blutfäden. Und Tränen fließen. Der Mann auf dem Gemälde leidet.

Mit tiefenscharfem Realismus malte Albrecht Bouts um 1495 dieses private Andachtsbild. Die dicken Tränentropfen zaubert er mit wunderbarer Transparenz auf die Haut. Die Schatten der wuchtigen Dornen, die Locken an Haupt und dem gepflegten Bart, selbst die Brusthaare und die Striemen der Folter auf der Haut sind getreulich geschildert. Dazu gehörten auch der unnatürlich blasse Teint, die blauen Lippen. Dieses Bild sollte dem gutbürgerlichen Käufer die Illusion geben, dem Erlöser persönlich gegenüber zu treten. Das expressive Leiden diente der Identifikation. Statt sich zu kasteien, konnte man auch dieses Gemälde betrachten.

Zur Zeit hängt es in der Ausstellung „Blut und Tränen – Albrecht Bouts und das Antlitz der Passion“ im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen. Das Haus richtet immer wieder großartige Ausstellungen mit Werken Alter Meister aus im Umfeld der Kunstmesse Tefaf in Maastricht. Dieses Mal steht der Löwener Maler Albrecht Bouts (1451/55 bis 1549) auf dem Programm. Er war Sohn eines berühmten Vaters, des Malers Dirk Bouts (1410/20-1475), der zum Stadtmaler der flämischen Metropole Löwen aufstieg und seinem Sohn eine florierende Werkstatt und ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Albrecht stand lange im Schatten von Dirk. Die Aachener Schau ist die erste große Einzelpräsentation, die dem Jüngeren je gewidmet wurde.

Unter den knapp 50 Exponaten sind Leihgaben aus den großen Museen der Welt, dem Pariser Louvre, dem New Yorker Metropolitan Museum, der National Gallery London, dem Prado in Madrid. Um so erstaunlicher ist, dass die Schau sich auf Werkgruppen zu einigen wenigen Motiven konzentriert. Dem gekrönten, blutenden Christus begegnet man auf mehr als einem Dutzend Tafeln, einige davon sind mit der Darstellung der „Mater dolorosa“ kombiniert, einer betenden und um ihren getöteten Sohn trauernden Maria. Das wirkt vielleicht eintönig, aber es verdeutlicht die fabrikmäßige Produktion. Und man lernt auf Nuancen zu achten: Mal sind die Augen besonders blutunterlaufen, mal umgibt ein goldener Strahlenkranz das Haupt Christi.

Fünf Mal sieht man die sogenannte „Johannes-Schüssel“, einen Teller, auf dem das abgeschlagene Haupt von Johannes dem Täufer liegt. Bouts wählte dafür das Tondo-Format, also das kreisrunde Bild. Diese Werke hängte man nicht an die Wand, sondern man präsentierte sie liegend, so dass die Illusion, man blicke auf einen wirklichen Teller mit einem abgeschlagenen Kopf, verstärkt wurde. Diese Bildnisse des Leidens waren überaus beliebt, was sich schon an der hohen Zahl der erhaltenen Exemplare ablesen lässt. Das wohlhabende Löwener Bürgertum kultivierte seine „neue Frömmigkeit“ in der meditativen Versenkung vor solchen Kunstwerken. Die besonders drastische Gestaltung der Gemälde von Bouts kam diesem Empfinden offenbar sehr entgegen.

Dabei war er nicht der einzige, der solche Andachtsbilder malte. Ein Schmerzensmann von Hans Memling (1485) wirkt viel abgeklärter. Und der Brüsseler Maler Colyn de Coter platziert den Schmerzensmann (um 1500-1505) in ein flämisches Wohnhaus, eine ungewöhnliche Lösung offenbar auf besonderen Wunsch des Auftraggebers.

Bouts hat neben den sehr erfolgreichen Andachtstafeln auch größere Altäre und andere Bilder mit sakralen Motiven geschaffen. In Aachen sind einige Beispiele ausgestellt wie die „Verehrung der Gottesmutter durch den Hl. Joseph“ (um 1480-85). Herausragend ist das späte Selbstporträt als memento mori (um 1523), auf dem sich der ungefähr 70-Jährige schonungslos mit allen Alterungszeichen darstellt, einen Totenkopf in der Hand als Hinweis auf die Vergänglichkeit. Ein weiterer Beleg für die Fähigkeiten des Künstlers.

Als Schlusspunkt ist in der Schau eine zeitgenössische Videoarbeit zu sehen, Bill Violas „Study for Emergence“ (2002), die von einer Pietà des italienischen Malers Tommaso Masolino da Panicale inspiriert ist. Zwei Frauen halten Wache, nicht an einem Grab, sondern an einer Zisterne, und aus dem aufschwappenden Wasser taucht ein bleicher junger Mann auf.

Bis 11.6., di – so 10 – 17 Uhr,

Tel. 0241/ 47 98 040, www.suermondt-ludwig-museum.de, Katalog, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg, 28 Euro

Quelle: wa.de

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