Ben Aaronovitchs Roman „Der Galgen von Tyburn“

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Zauberromane für Erwachsene schreibt der englische Autor Ben Aaronovitch.

Peter Grant kennt sich inzwischen natürlich aus. Und wenn mitten im Londoner Edelkaufhaus Harrods die Kugeln, die Tischplatten, roter Rauch, Wasserbälle und was noch durch die Luft fliegen, dann erklärt er dem Leser in aller Ruhe: „Die Waffe der Wahl eines klassisch ausgebildeten Zauberers ist traditionell der Feuerball. Kein Witz. Aus polizeilicher Sicht hat er sogar einige Vorteile. Als Ball ist er weich und nicht unendlich schnell, was bedeutet, du kannst dir sicher sein, dass er nicht dein Ziel plus die Wand dahinter plus die unschuldigen Rentner an der Bushaltestelle draußen durchschlägt.“

Natürlich schleudert Peter Grant, Lehrling im Folly, der Abteilung der Londoner Polizei für Magie, auch in seinem sechsten Abenteuer „Der Galgen von Tyburn“ einige Feuerbälle. Und Wasserbälle. Ben Aaronovitch, 1964 geborener Londoner, hat sich 2011 den magischen Ermittler ausgedacht. Er traf auf eine aufnahmewillige Zielgruppe, schließlich gab es genug Harry-Potter-Fans, die die Bücher beim Wiederlesen schon mitsprechen konnten und im übrigen dem Alter für Internatsgeschichten entwachsen sind. In den Peter-Grant-Romanen bekommen sie eine herrlich abgefahrene Mischung aus Fantasy und Krimi, mit viel Lokalkolorit (jeder Roman spielt in einem anderen Viertel der britischen Hauptstadt) und einem sehr britischen Humor.

Der Polizist gehört zu einer Spezialabteilung, in der das M-Wort verpönt ist. Stattdessen spricht man lieber von „Falcon-Fällen“, wenn man nicht die Wendung „abstruser Scheiß“ bevorzugt. Mit dem heiklen Thema Zauberei soll die Öffentlichkeit nicht verunsichert werden, da folgt Aaronovitch dem Vorbild der „Men in Black“. Peters aktueller Fall beginnt mit einer Drogentoten, die mit der Tochter einer Flussgöttin befreundet war. Und Peter schuldet Lady Tyburn noch einen Gefallen. Bald aber geht es nicht mehr nur darum, Olivia Tyburn aus den Ermittlungen rauszuhalten. Ein höchst verdächtiger Gauner mit Fae-Abstammung bietet der Polizei ein Buch zum Kauf an, das zu Isaac Newtons dritter „Principia“ führt, der verschollenen Abhandlung über die Alchemie, mit der man unter anderem zum Stein der Weisen käme. Was natürlich nicht nur die Zauberer der Polizei sehr interessiert, sondern auch den „Gesichtslosen“, jenen unbekannten Praktizierenden, der das Übernatürliche zu kriminellen Zwecken missbraucht.

Das ist spannend erzählt, mit Lust an pointierten Formulierungen über Architektur, Jazz, sexuelle Orientierung, Rassismus (Peters Mutter ist Afrikanerin) und andere Erscheinungen des 21. Jahrhunderts. Peters Partnerin Sahra ist Muslimin und trägt einen Hijab auch im Dienst. Ecstasy definiert Peter als die Droge, „die einen in die Lage versetzt, richtig schlechte Musik zu hören, ohne dass einem vor Langeweile das Hirn implodiert“.

Der Hauptgenuss der Grant-Romane liegt darin, wie Aaronovitch das Übernatürliche geradezu wissenschaftlich mit der realen Welt verzahnt. Bei Harry Potter leben Magier und Muggel in getrennten Welten. Aaronovitch beschreibt, wie Zauberei sich auf Smartphones auswirkt und auf Gehirne von ungeübten Praktizierenden. Da spürt Peter an Vestigia, dass irgendwo gehext wurde, und er wirkt „Formae“, wenn er ein Werlicht entzündet. Die Treffpunkte der Magier, Fae, Flussgötter liegen sozusagen in der nächsten Nebenstraße.

Ben Aaronovitch: Der Galgen von Tyburn. Deutsch von Christine Blum. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 415 S., 10,90 Euro

Quelle: wa.de

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