Adolf Erbslöh im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal

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Adolf Erbslöh malte das „Mädchen mit dem roten Rock“ 1910, Franz Marc verteidigte das Bild gegen konservative Kritiker. Zu sehen ist es im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum.

WUPPERTAL - Monumental erscheint der Frauenkörper, füllt die Bildfläche aus. Den Blick hat das „Mädchen mit dem roten Rock“ gesenkt, sie ruht geradezu meditativ in sich. Bei der Darstellung des Körpers hat der Maler Adolf Erbslöh sich an den klassischen Idealen orientiert. Die Farben allerdings weichen von der Natur erheblich ab. Das Inkarnat der Haut mischt er aus einer ganzen Palette zwischen Giftgrün und Rosa.

1910 erregte diese expressive Verfremdung noch Anstoß bei konservativen Betrachtern. Heute gehört die Kunst des Blauen Reiters zum Kanon, ist viel bewunderter Bestand der klassischen Moderne. Dass die Malerei von Wassily Kandinsky, Franz Marc, Alexej Jawlensky, August Macke sich durchsetzte, ist zu einem guten Teil Adolf Erbslöh (1881–1947) zu verdanken. Dem Maler und „Avantgardemacher“ widmet das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal nun eine Werkschau mit 55 Gemälden und 45 Arbeiten auf Papier, denen rund 60 Arbeiten seiner Zeitgenossen gegenüber gestellt werden.

Erbslöh wurde in New York geboren. Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie zurück nach Barmen. Der Sohn eines Kaufmanns wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Er studierte Malerei, erst in Karlsruhe, ab 1904 in München. 1907 heiratete er Adeline Schuchard, ebenfalls aus wohlhabender Familie. Erbslöh, der bis dahin unter dem Einfluss der Impressionisten stand, lernte Künstler kennen, die bald den Expressionismus erfinden sollten: Jawlensky, bei dem er ab 1908 studierte, Kandinsky, Franz Marc, Marianne von Werefkin, Wladimir Bechtejeff. 1909 gründen sie die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.), Erbslöh wird erst Schriftführer, später Vorsitzender. Er war bestens vernetzt, kannte Richart Reiche, den Kurator des Barmer Kunstvereins, den Hagener Sammler und Museumsgründer Karl Ernst Osthaus, Walter Rietzler, den Direktor des Stettiner Museums, hatte Kontakte zur Berliner Secession und Galeristen. Der neue Stil findet wenig Anklang beim Münchner Publikum. Erbslöh organisiert eine Ausstellung mit Werken der Mitglieder, die 1910 nach Barmen und Elberfeld kommt. Auch hier gibt es Spott über die „jüngstmünchner Marmeladenkünstler“. Aber es gab relativ viele Besucher der Ausstellungen, und das gutbürgerliche Publikum kaufte Bilder.

Zu den besten Kunden gehörte Erbslöh, der seine Kollegen immer wieder mit Ankäufen unterstützte. So erwarb er Jawlenskys „Mädchen mit Pfingstrosen“ (1909) und schenkte es dem Museumsverein, natürlich ist es in der Schau zu sehen. Zugleich erwies Erbslöh sich als Sammler mit Spürsinn – er war einer der ersten in Deutschland, die Bilder von Picasso kauften. Seine Sammlung hatte allerdings keinen Bestand. Das Vermögen verlor er im Krieg und in der Nachkriegsinflation. Auch sein Engagement als Netzwerker hatte keinen dauerhaften Erfolg. Ende 1911 verließen Kandinsky, Marc und andere die N.K.V.M., nachdem sie einen Streit provoziert hatten, und gründeten den „Blauen Reiter“.

Auch künstlerisch trennen sich die Wege. Die Avantgarde sucht den Weg zur Abstraktion. Erbslöh bleibt gegenständlich, orientiert sich in den 1920er Jahren hin zur Neuen Sachlichkeit.

Die Wuppertaler Ausstellung hat zwei Erzählstränge: Erbslöhs Werk und die Bilder, die er ermöglichte. Mit Erbslöh wird ein Maler vorgestellt, der nie die Radikalität eines Kandinsky, Jawlensky oder Marc erreicht. Aber seine klaren Kompositionen behaupten sich neben den Werken der bekannteren Kollegen. Marc selbst hatte in den höchsten Tönen von Erbslöhs „Mädchen mit dem roten Rock“ geschwärmt.

Schon die frühen Arbeiten sind gut gemalt, auch wenn man ihnen die Vorbilder ansieht, zum Beispiel bei Erbslöhs 1907 entstandener „Nähschule“, die auf ähnliche Genreszenen Max Liebermanns verweist wie das in Wuppertal ausgestellte Bild „Holländische Nähschule“ von 1876. Erbslöh versucht sich an pointillistischen Kompositionen, es gibt Anklänge an van Gogh und Cézanne, wie im Stillleben von 1908.

Das „Bildnis Saima Noevi“ (1909) ist in weiten Partien noch aus einzelnen Tupfen aufgebaut wie im Pointillismus, aber die Farbigkeit und die klare Konturierung sind schon deutlich expressiver. Später interessiert sich Erbslöh vor allem für Landschaften und findet zu klaren, eigenständigen Kompositionen in einer dunklen Farbigkeit mit Grün- und Blautönen. Von ihm stammt eine kraftvolle Darstellung der Schwebebahn (1912).

Er zog wie viele seiner Altersgenossen begeistert in den Krieg, wo er als Kriegsmaler eingesetzt wurde. Die Bilder in der Schau zeigen die dunklen Seiten nur indirekt, in den kargen Stämmen des Bildes „Zerschossener Wald bei Verdun“ (um 1916) oder in Skizzen von Ruinen. Nie ist er so direkt berührt vom Geschehen wie Dix, Beckmann, Pechstein.

Spannend ist die Ausstellung aber auch durch die Konfrontation von Erbslöhs Werk mit dem seiner Weggefährten. Die abstrakte „Composition V“, die Kandinsky provokativ zur Ausstellung der N.K.V.M. einreichte, ist in der Ausstellung nicht zu sehen, aber die „Sintflut“ (1912) vermittelt schon die Distanz der Bildsprachen. Weitere Werke von Alexej Jawlensky, Franz Marc, August Macke, Heinrich Campendonk zeigen den Gegensatz zu den ebenfalls farbstarken, aber formal doch weit konventionelleren Bildern von Künstlern wie Pierre Girieud, Wladimir Bechtejeff, Erma Barrera-Bossi.

So bindet die anregende Ausstellung zusammen, was einmal auseinander strebte: einen sanften Modernisten und die Revolutionäre, denen er den Weg bereitete.

Bis 20.8., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr, Tel. 0202 / 563 6231,

www.von-der-heydt-museum.de

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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