Andreas Beck klärt über „Die schwarze Flotte“ auf

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Mit Projektionen erklärt Andreas Beck in „Die schwarze Flotte“ in Dortmund den Menschenschmuggel.

DORTMUND - Andreas Beck erscheint wie in diese Studierstube gebeamt. Erst ein Gewitter aus Fernseh- und Computerbildern, ein Orkan aus Musik und Sounds, dann Licht an: Da steht der stämmige Mann im legeren Sakko, mit der Base-Cap, die ihn ein wenig aussehen lassen wie Michael Moore. Und was nun fast zwei Stunden lang folgt im Megastore, der Ausweichspielstätte des Schauspiels Dortmund, das erinnert an die sarkastischen Welterklärfilme des US-Polit-Dokumentaristen.

Der Abend „Die schwarze Flotte“ basiert auf Recherchen des Reporter-Teams Correctiv. Die Dramaturgin Anne--Kathrin Schulz hat einen Bühnentext geschrieben aus dem Material über moderne Schmuggelschiffe auf dem Mittelmeer, die Waffen in die Krisengebiete bringen und auf dem Rückweg Flüchtlinge nach Europa, die außerdem Drogen und Raubkunst transportieren. Die Zuschauer bekommen Aufklärung über die Wege eines kriminellen Netzwerks, das von syrischen Reedern mit besten Verbindungen zum Assad-Regime betrieben wird. Und viele machen mit, von der organisierten Kriminalität bis zu korrupten Beamten.

Wie macht man aus solchem doch recht nüchternen Nachrichtenstoff einen funktionierenden Theaterabend? Schauspielchef Kay Voges erfindet mal wieder ein neues Format, das Dokumentarspiel. Die Bühne (von Voges selbst gestaltet) ist eine Nerd-Version von Fausts Studierstube. Vor hohen Wänden, die zuweilen als Projektionsfläche dienen, steht ein Ensemble aus beschriebenen Schultafeln, Wandkarten, Fernsehgeräten, Büchern, Leuchtgloben und einem großen Schreibtisch. In diesem Datenlabyrinth bewegt sich Beck als Mischung aus Volkshochschuldozent und Poetry-Slammer. Die Recherche wird zur weit gespannten Erzählung, deren Längen und Durchhänger gern mit der ein oder anderen Pointe überbrückt werden. Und, wie sich noch zeigen wird, es ist kein Zufall, wenn Beck ganz, ganz vorn beginnt, bei der Erfindung des aufrechten Gangs vor 3,6 Millionen Jahren durch die Vormenschenfrau Lucy, deren Knochen in Äthiopien gefunden wurden.

Weil die langen Reihen von Namen schrottreifer Schiffe und krimineller Marine-Unternehmer, all die Gänge in griechische Häfen und italienische Ermittlerbüros nicht viel Dramatik hergeben, peppt Beck das als moderner Märchenonkel mit Effekten aus dem Werkzeugkasten des Seminarleiters auf. Da zieht er Tafeln vor, pappt Fotos an den Schreibtisch („die Typen sind alle bei Facebook“), legt ein Buch vor die Kamera, spielt kleine Szenen ein. Reporterkumpel Mario, der Star Wars so mag, kriegt bei jeder Erwähnung das Grollen von Han Solos Pelzkumpel Chewbacca. Es gibt das James-Bond-Thema und den Beatles-Song „Lucy In The Sky With Diamonds“, Überwachungssatelliten werden mit prachtvollen Sternhimmel-Projektionen bebildert.

Vor allem aber lebt dieser Abend vom grandiosen Protagonisten Beck, der diese gewaltige Textmenge spricht, mit einer Selbstverständlichkeit, als plaudere er gerade nur so daher. Aus Kleinigkeiten schlägt er komische Funken, witzelt über „Klötenköm“ (Na? Nicht? Eierlikör!), läutet eine Schiffsglocke, tänzelt durch die Bühne, um ein neues Requisit zu bewegen. Manchmal fragt er die Zuschauer, ob sie sich den Schiffsnamen gemerkt haben. Wenn er von einem durchgerosteten, unsicheren Schiff spricht, greift er sich scheinbar gedankenverloren in den Schritt. Und dann kommen ungeheuerliche Fakten, zum Beispiel, dass Flüchtlinge die einzige Fracht sind, bei der es egal ist, ob sie ankommen. Sie haben ja schon vorab bezahlt. Beck schafft es, dass man ihm über die ganze Strecke folgt.

Mit dem Abend aktiviert Voges Funktionen der Schaubühne neu, die man schon abgesunken glaubte. Lehrtheater, moralischer Appell kommen zeitgemäß daher – und durchaus unterhaltsam.

10., 17.11., Tel. 0231/50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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