Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker in Dortmund

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Andris Nelsons dirigiert die Wiener Philharmoniker im Konzerthaus Dortmund.

Dortmund - Zart und feingliedrig soll es gleich klingen: Andris Nelsons erinnert die Bläser in der letzten Reihe mit einem kleinen Fingerrollen der rechten Hand, bevor er den Einsatz zum zweiten Satz von Antonín Dvoráks Cellokonzert gibt. Und bedankt sich nach der Eingangspassage mit einem freundlichen Nicken. Einer dieser Nelsons-Momente: Er dirigiert nicht vom Pult herab, sondern motiviert, begeistert, reißt mit. Die Wiener Philharmoniker wie das Publikum im Konzerthaus Dortmund.

Für rund zwei Stunden ballte sich am Sonntagnachmittag im Ruhrgebiet orchestrale Weltklasse: Nur rund 35 Kilometer weiter westlich, in Essen, gastierte mit dem New York Philharmonic zeitgleich ein weiteres Spitzenorchester.

Die Wiener in Dortmund begeisterten bereits vor der Pause mit Dvoráks op. 104 – dabei stand mit Beethovens „Pastorale“ das eigentliche Ereignis dieses Konzerts noch aus.

Nelsons fasst das Cellokonzert durchaus als Trauermusik auf – Dvorák verarbeitete den Tod einer nicht überwundenen Jugendliebe (zu seiner Schwägerin). Doch ergreift er das Streicherthema gleich mit besonderer energischer Wucht – wobei der einzigartig satte und gewölbte Wiener Klang direkt elektrisiert. Nelsons modelliert den Puls des Allegros heraus, trotzdem erweisen sich die aufgewühlten Emotionen immer auch als schutzlos und hochgradig verletzlich.

Tamás Varga, Solocellist der Wiener Philharmoniker, hält der prächtig registrierten Dramatik der Kollegen einen schlanken, bis in die hoch virtuosen Passagen in sich gekehrten Ton entgegen. Ein Kontrast, der vor allem im Finalsatz wirkt wie eine Entschleunigung zwischen den scharf konturierten Akzenten von Geigen und Bratschen. Wunderschön geraten die Zwiegespräche zwischen Solo-Cello und den fabelhaften Holzbläsern. Gegenüber dem Orchesterpart, dessen Gefühlslagen Nelsons jederzeit plausibel macht und klangvoll inszeniert, bleibt die Solo-Stimme aber doch zu verzagt.

Ludwig van Beethovens Sechste, die nach der Pause folgt, bannt das Publikum auf eine selten zu erlebende Weise. In den Pausen zwischen den Sätzen wird hörbar ausgeatmet, nach Luft geschnappt, gehustet – und dann ist diese Hochspannung gleich wieder da. Nelsons bedankt sich später bei den Musikern und beim Dortmunder Publikum: Die besondere Atmosphäre in diesem Saal ermögliche Außergewöhnliches. Und eine Zugabe: Beethovens „Prometheus“-Ouvertüre.

Die Wiener Philharmoniker reagieren hoch sensibel auf jeden Fingerzeig und Geste Nelsons’. Der 38-Jährige agiert mit großem Körpereinsatz, zeigt aber immer wieder auch imposante Gelassenheit, wenn er sich zurücklehnt an die Brüstung des Pults, sich dort mit dem linken Arm abstützt und nur mit dem rechten dirigiert oder einige Takte lang bloß zuhört. Zwischendurch legt er den Taktstock ab, formt mit bloßen Händen pochende Akzente, lässt Geigen flattern und Flöten flirren, dort ein Crescendo aufschäumen, Gewitterstürme brodeln und einen Bach friedlich murmeln. Oder er nimmt den Taktstock zwischen die Hände und rollt ihn, als solle die Reibungswärme ein Feuer entfachen – die zweiten Geigen wissen, was er meint.

Nelsons strebt nicht in Extreme, sondern hebt Linien und Details hervor, die er in ihre Zusammenhänge rückbindet. Er setzt moderate Tempi an, verwendet kaum agogische Effekte, richtet alle Sätze vorwärts aus und pumpt immer neue Vitalität in die vertrauten Naturszenen. So kann die Musik weder Pathos noch behagliche Pölsterchen ansetzen. Erstaunlicherweise glänzen die Konturen dieser „Pastorale“ dabei voll und rund, doch nach innen funkeln ihre Linien, dynamischen Räume und thematischen Veränderungen so bemerkenswert, dass sie in jedem Moment aufregend bleibt.

Am 20. Juni dirigiert Andris Nelsons im Konzerthaus Dortmund „sein“ Gewandhausorchester Leipzig mit Werken von Dvorák und Smetana; Solistin ist die Sopranistin Kristine Opolais.

Tel. 0231/22 696 200;

www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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