András Schiff schlägt beim Klavier-Festival Ruhr den Bogen von Bach zu Bartók

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Ein Virtuose mit Haltung: Sir András Schiff lauscht beim Klavier-Festival Ruhr bekanntem Material neue Aspekte ab.

Dortmund - Der Mann hat ein Anliegen: Musikvermittlung als ernsthafte Tätigkeit betreibt Sir András Schiff im Konzerthaus Dortmund. Sein Gastspiel beim Klavier-Festival Ruhr ist eins der Großereignisse des Programms. Schiff will hier mehr als nur auftreten. Er will erklären, was er tut, wovon er – im Wortsinn – lebt.

Deshalb greift er zum Mikrophon, streift – als ausgesprochener Kritiker des Orbán-Regimes – die politische Situation in Ungarn, spricht in seinem sorgfältigen Deutsch von Nationalismus in seiner „engstirnigen und dummen Form“, um überzugehen zu Bach. „Auf den können Sie stolz sein“, wendet er sich an sein Publikum. In der ersten Hälfte – die als Programm beinahe gereicht hätte – setzt er Bach und Béla Bartók in Dialog. Er beginnt sehr pädagogisch mit dem Jugendwerk Bachs, dem B-Dur-Capriccio „Über die Abreise des geliebten Bruders“, kontrastiert damit Bartóks „Sechs Tänze im bulgarischen Rhythmus“ mit Duetten aus Bachs Clavier-Übung III. Seine Vorrede stellt mittelalterliche Kirchentonarten vor und weist darauf hin, wie bei Bartók auf den Wechsel von Tonarten und Tanzrhythmik zu achten ist.

Letztlich informiert in dieser Hälfte Bachs Capriccio alles, was danach folgt. Denn Schiff spielt das eigentlich programmatische Werk als Kurzreflexion über widerstreitende Gefühle. Dem heiteren Eingangspart folgt ein Teil, der quasi die gemischten Empfindungen der Zurückbleibenden nachvollzieht, die sich vom Abreisenden verabschieden. Auf einen Teil der Trauer folgt die Abreise an sich. Schiff spielt das durchaus leicht, aber in jedem Part kommt unausweichlich eine Stelle, an der sich die Musik zu ballen scheint. Sogar der erste, liebenswürdige Teil, den Schiff wie mit Weichzeichner im Melancholischen hält, trägt Widersprüche in sich, eine gewisse Scharfkantigkeit des Tons.

Die Bartók-Tänze beginnen als ein Vor-Sich-Hindenken. Die Tanzrhythmen sind die treibende Kraft, aber die Bedeutung findet Schiff in den Stockungen, den Momenten des Wechsels, den kurzen Pausen. Die rhythmischen Spiele Bartóks bereiten den Weg für Bachs von Schiff akribisch aufgefächerte und heiter nuancierte Polyphonie, und Bachs Duette wiederum strahlen auf die komplexe Rhythmik und die harmonischen Mischungen der Bartók-Tänze aus. So versteht Schiff Europa, erklärt er wortlos: als sich bereicherndes Miteinander. Dabei liegt in Schiffs großer Draufsicht die Gelassenheit des Musikers, der schon so viele pianistische Gipfel erklommen hat und nun im Altbekannten neues Feuer sucht.

Die erste Hälfte schließt er mit Bartóks Sonate Sz 80 aus 1926, voll dunkler Höhenflüge und wechselhafter Ideen, eine Feier des Ungewöhnlichen, aber auch des Vergänglichen unter Schiffs erfahrener Hand.

Die zweite Hälfte wird wieder ein Piano-Vortrag. Nun widmet sich Schiff der Lyrik. Janáceks Impressionen „Im Nebel“, eine düstere Erinnerung an die jung verstorbene Tochter des Komponisten, trifft Schumanns C-Dur-Fantasie. Beide sind Liebeserklärungen, die eine unerbittlich rückwärts gewandt, die andere in Hoffnung geschrieben. So gerät „Im Nebel“ auch zergrübelt. Allein wie Schiff im Andantino in das Moll-Echo hineinlauscht, spricht von tiefem Pessimismus. Schiff hört wieder in Pausen und Stockungen hinein, und wieder bündeln plötzliche energische Aufwallungen den Melancholiestrom. Interessant ist, wie Schiffs Abgeklärtheit – die ersten Themen klingen, als hole er alte Fotografien ans Licht – einer emotionalen Direktheit weicht.

Die klingt noch deutlicher durch in der Schumann-Fantasie, dem Dichtesten, was Schiff an diesem langen Abend spielt. Er wählt ein alternatives Finale, die Budapester Fassung, die das Geliebten-Thema vom Ende des ersten Satzes aufgreift und damit den Bezug zu Beethovens Zyklus „An die ferne Geliebte“ vertieft. Schumann schrieb die Fantasie in einer Zeit der Trennung von Clara Wieck. Das Budapester Ende lässt das Liebesbekenntnis des letzten Satzes nicht in Wellen abebben, sondern bündelt es. So spielt Schiff den letzten Satz mit einer Innigkeit, die sich kaum ans Tageslicht traut, kühner wird und am Ende an seinen Anfang zurückkehrt. Wer mag, kann darin eine Botschaft lesen.

Quelle: wa.de

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