Anne-Teresa de Keersmaekers Choreografie zu Bach

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Bewegung um den Cellisten: Szene aus „Mitten wir im Leben sind“ mit Anne Teresa de Keersmaeker, Jean-Guihen Queyras und Julien Monty (von links).

GLADBECK - Es wird dunkel in der Maschinenhalle, das Grau des Tanzbodens leuchtet im letzten Licht. Die blauen Schatten draußen hätten nicht besser designt sein können, wenn man sie für die Produktion „Mitten wir im Leben sind/Bach 6 Cellosuiten“ als Kulisse bestellt hätte. Die neue Arbeit der Choreografin Anne-Teresa de Keersmaeker für die Ruhrtriennale formt Gegensätzliches zu einem Ganzen und bezieht einen Teil ihrer Faszination aus dem Kontrast zwischen der Örtlichkeit, der Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck, und der einsetzenden Nacht draußen.

Die Produktion fließt in die zunehmende Dunkelheit hinein. Die sechs Suiten beginnen so, dass die fünfte fast ganz in Dunkelheit gespielt wird, mit einem blassen Spot auf den Cellisten Jean-Guihen Queyras. Danach wird das Licht angemacht, alle fünf Tänzer kommen für die sechste Suite zusammen wie verschiedenfarbige Fäden, die zusammenlaufen.

Vier Tänzer aus Keersmaekers Compagnie Rosas zeigen je eine Suite. Keersmaeker tanzt immer die Allemande mit. Die strenge Abfolge der barocken Tanzsätze – nichts anderes sind die Suiten – wiederholt sich in der Vorgabe der Bewegungsmuster. Die Courante ist bei jedem Tänzer ein Energieausbruch mit Sprüngen. Keersmaeker zitiert barocke und klassische Formen, aber immer so, dass sie etwas Unpoliertes haben.

Die Sarabande zwingt die Tänzer zu Boden, als müssten sie ihre Füße von der Erde erst mühsam lösen. Alle tragen Turnschuhe, die die Bewegungen am Boden leicht hemmen. Nur die fünfte Suite mit der nachtdunklen Sarabande gehört fast ausschließlich der Musik. Queyras spielt mit großer Aufmerksamkeit für die Tänzer, geschmeidig, elegant, in der fünften Suite vor allem dunkelfarbig und erdig, zunehmend sperrig, als taste er sich in einen unbekannten Raum vor. Weil die Perspektive geöffnet werden soll, sitzt Queyras mal mit dem Rücken, mal mit dem Profil zum Publikum. „Mitten wir im Leben sind“ (der Titel ist von einem mittelalterlichen Choral übernommen) ist spartanisch, großformatig, öffnet den Raum in weiten Bögen und Kreisen. Manchmal geschieht das simpel durch Gegensätze: Wird in Dur gespielt, geht der Tänzer vorwärts, spielt Queyras in Moll, läuft er rückwärts. Die Tänzer kleben vor den Suiten geometrische Muster – Dreiecke und Geraden – auf den Boden, halten sich zunächst an den begrenzten Raum, um ihn dann zu überschreiten.

Der geregelte Ablauf der Suiten und das einheitliche, durch jeden Tänzer eigen gestaltete Bewegungsmaterial bieten die formale Klammer. Keersmaeker geht von der musikalischen Rhetorik aus, um Bewegungssprache und Rhythmus zu erarbeiten. Queyras‘ Phrasierung und die mal spielerischen, mal fluchtartigen Bewegungsimpulse der Tänzer befeuern einander.

Lebendig wird der Entwurf durch die unterschiedlichen Tänzertypen. Botjan Antoncic ist sehr groß und, obwohl durchtrainiert, weniger geschmeidig als seine Kollegen. Er tanzt die vierte Suite, wirft sich polternd auf den Boden, rollt sich ab, springt, sein Hemd ist schweißnass, Körper und Gesicht sprechen von wilder Konzentration. Dagegen hat Marie Goudot eine moderne Ausstrahlung, tanzt grazil und sportlich zugleich die dritte Suite. Die beiden jüngeren Männer (Michael Pomero, Julien Monty) zeigen in den ersten Suiten Kraftakte, hohe Sprünge und schnelle Läufe. Die Kontraste ergeben Reibung. Wenn Keersmaeker mittanzt, ergibt sich der Reiz aus dem Gegensatz zwischen der zarten Mittfünfzigerin und den sportlichen Männern. Das Duett mit Marie Goudot ist auf eine feine Art konfrontativer und zugleich neckischer. „Mitten wir im Leben sind“ handelt nicht nur von der Spannung zwischen Form und Ausdruck, sondern auch zwischen Individuum und Gruppe.

29., 30., 31.8.,

Tel. 0221/280 210

www.ruhrtriennale

Quelle: wa.de

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