Anneliese Brost Musikforum Ruhr wird in Bochum eröffnet

+
Blick in den Konzertsaal des Musikforum in Bochum mit seinen 960 Sitzen auf Galerie, Balkon, Rang und im Parkett.

BOCHUM - „17 Jahre“, sagt Steven Sloane und lächelt ein Lachen, das ihm endlich keiner mehr nehmen kann. Der Musikdirektor der Bochumer Symphoniker hat einen Konzertsaal, der für seine Musiker und seine Musik parat steht – mitten in Bochum. 17 Jahre hat der Dirigent dafür gekämpft. „Es hat sich gelohnt“, sagt Sloane, gebürtig aus Los Angeles, und bewegt sich übers Parkett im Orchestergrund wie ein Mann, der seine Ankunft noch bestaunt.

In drei Jahren hätten die Bochumer Symphoniker ein trauriges Jubiläum feiern können: ein Klangkörper ohne Konzertsaal seit 100 Jahren. Diese Schmach ist den Musikern erspart geblieben, weil es endlich geklappt hat. Seit Anfang der 1990er Jahre war es erklärtes Ziel von Kultur und Politik in Bochum diesen Saal zu bauen, und als letzter Versuch wurde vor einigen Jahren der Standort neben der Jahrhunderthalle verworfen – „Nothaushalt“.

Die Stadt hat Geldsorgen, nicht erst seit Nokia und Opel ihre Produktion gestoppt haben. Am Wochenende wird dennoch die Eröffnung gefeiert, weil hier mehrere „Baustellen“ zusammengelegt wurden. Mit dem neuen Anneliese Brost Musikforum Ruhr, wie es offiziell heißt, sind neben dem Konzertsaal auch ein Ort für das Jugendsymphonieorchester der Musikschule (bei 20 000 Lernenden) geschaffen worden, der Multifunktionssaal. Die St. Marien-Kirche (von 1868), die seit über zehn Jahren profaniert ist und als Landmarke gilt, wird wieder gebraucht. Mit dem Schauspielhaus, das auch an der Victoria- und Königstraße liegt, und dem Bermuda3eck hat Bochum seine Kulturkompetenz stabilisiert, die Interessenten von weither anlockt. Und außerdem wird das Stadtquartier mit seiner Verbindung zum Victoria-Wohnviertel aufgewertet.

Diese vielseitigen Funktionen öffnen Fördertöpfe von EU (6,5 Millionen Euro), Land (500 000 Euro), Stadt (7,1 Millionen Euro) und Städtebau (9,5 Millionen Euro). Es gibt mehr Zustimmung als für einen solitären Konzertsaal. Dazu zählen private Großspenden, wie die fünf Millionen Euro von Norman Faber von der Faber Lottoservice GmbH aus Bochum. Seine Bedingung im Jahr 2006: Die Mitarbeiter der Bochumer Symphoniker sollten in zwei Monaten weitere zwei Millionen Euro sammeln. „Das haben wir geschafft“, sagte Christiane Peters. Und die drei Millionen Euro von Anneliese Brost, gebürtige Bochumerin und Mitbegründerin der WAZ in Essen, zählen zu den insgesamt 14,6 Millionen Euro aus Privatspenden.

Auf 33 Millionen Euro war das Projekt angelegt. „Dann gab es die Benzollinse im Boden“, sagte Peters. Bevor die Bodenplatte fürs Musikforum gegossen wurde, musste das Erdreich ausgekoffert werden. Außerdem rechnete sich ein neuer Verwaltungstrakt über den zwölf Musiker- und Inspizientenräumen für die Stadt, so dass am Ende 38,2 Millionen Euro standen. „Etwas teuerer“, sagt Christiane Peters und weiß, wie solide Bochum im Vergleich dasteht. Stichwort: Elbphilharmonie.

Das neue Musikhaus in Bochum mit seinen 960 Sitzplätzen lässt sich mit dem Konzerthaus in Dortmund oder dem Saalbau in Essen nicht vergleichen. Für Tournee- und Gastspielunternehmen ist Bochum zu klein. Außerdem legen die Förderrichtlinien fest, dass der Konzertsaal nur gemeinnützigen Musikern dienen darf. Ob Männergesangsverein oder Klavierfestival Ruhr, wer kommt, muss die Betriebskosten zahlen und behält die Einnahmen für sich.

Das Musikforum will ein „Wohnzimmer“ für alle Bürger sein. Sie sollen sich in dem funktionalen Bau wohl fühlen. Die Stuttgarter Architekten Martin Bez und Thorsten Kock hatten 2012 den Wettbewerb gewonnen. Ihre Idee war, die St. Marien-Kirche als Foyer zu nutzen und den Multifunktionssaal daneben anzubauen – über eine „Bochumer Hundewiese“. Somit tritt man zuerst in das hell gestrichene neogotische Gotteshaus vor den Kassenbereich. Entweder man wendet sich dann zum Multifunktionssaal oder geht auf den langgestreckten Konzertsaal zu. Seine klassische Quader-Form ist leicht gewölbt. Seine zusätzliche Einfassung aus Klinkersteinen schützt ihn vor Stadtlärm. Im Inneren dominieren beige-graue Farbtöne und amerikanische Kirsche. Kupfertöne bei Handläufen und Lampen wirken elegant. Der Boden ist aus hellem Terrazzo-Estrich. Minimalistisch erscheint das ganze Interieur.

Die 960 Sessel sind so konstruiert, das sie auch unbesetzt nicht die Klangverteilung beeinflussen. Neben dem Parkett gibt es die Galerie (eine Stuhlreihe), den Balkon (zwei), den Rang (drei) und die Chorempore (drei). Ein verstellbares Akustiksegel und verschiedene Vorhänge sind für den Klang zuständig. Außerdem bietet der Konzertsaal 14 000 Kubikmeter Raum über die vergitterte Deckenkonstruktion hinaus. Für Musik von Mahler und Schostakowitsch sei das unerlässlich, sagt Christiane Peters.

Um nicht über die Traufhöhe der Kirche zu bauen, ist der Saal tiefer gelegt. Insgesamt fügen sich die Neubauten mit ihrem weiß-roten Klinker maßvoll an den historischen Kirchenbau an. Die rechteckige Erstreckung der Neubauten wirkt nüchtern wie erhaben im Stadtbild zwischen der Kneipenszene mit Sachs und Intershop sowie dem Alten- und Flüchtlingsheim an der Humboldstraße – eben mitten in Bochum.

Das neue Musikforum steht auch mitten im Revier. Und so ist es für Steven Sloane eine Herzenssache, wenn er mit den Orchestern aus Duisburg, Gelsenkirchen und Dortmund ein Brahms-Wochenende zum Ende der Saison bestreiten wird. Bis dahin wird der Dirigent, der seit 1994 Generalmusikdirektor in Bochum ist, ganz angekommen sein.

Zur Eröffnung:

Zur Eröffnung des Anneliese Brost Musikforum Ruhr spielen die Bochumer Symphoniker drei Sonderkonzerte vor ausverkauftem Haus:

Freitag: Musik von Stefan Heucke „Baruch ata Adonaj – Gesegnet seist du, Herr“ und Gustav Mahlers 1. Symphonie.

Samstag: Schostakowitsch, Bartók, Stravinsky, mit Frank Peter Zimmermann (Violine).

Sonntag: Schostakowitsch, Rachmaninow, Stravinsky, mit Schaghajegh Nosrati (Klavier).

Es dirigiert Steven Sloane.

www.bochumer-symphoniker.de

Bürgerfest: Am Sa/So jeweils ab 11 Uhr stellt sich die Bochumer Kunstszene vor: „Musik für alle!“

Tel. 0234/910 8666

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare