„Arbeiterroman“: Gerhard Henschel setzt autobiografisches Romanprojekt fort

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Karrierestart eines Erfolgsschriftstellers: Gerhard Henschel vor dem Umzug nach Oldenburg 1986.

Geld hat Martin Schlosser nie genug. Einmal notiert er, dass er bei der Sparkasse 27 Pfennig im Soll steht, „und ich hatte keinen Dispositionskredit“. Einmal verschiebt er den Kauf einer neuen Zahnbürste auf bessere Zeiten, „die ja auch einmal kommen mußten“. Dabei gibt sich der Studienabbrecher und angehende Erfolgsschriftsteller keinesfalls dem süßen Nichtstun hin. Der Titel „Arbeiterroman“ für die siebte Folge dieses autobiografischen Zyklus ist ernst gemeint.

Es geht hier um viele Formen von Arbeit. Die schlecht bezahlten Jobs zum Beispiel als Lagerarbeiter bei der Spedition Rhenus. Womit er in der Stunde eine Mark weniger verdient als seine Freundin Andrea mit Putzen. Oder bei Papa in Meppen, wo er bei Umbauten und Renovierungen hilft. Oder die Anstellung im Lokal Na Nu in Jever, die auch die Leber fordert. Vor allem aber versucht Schlosser, seine Karriere als Autor voranzubringen. Er liest unaufhörlich und entwickelt Ideen für Texte. Manches wird gedruckt. Eine satirische Reportage über das provinzielle Jever hängt der sympathische Wirt Rainer sogar in der Kneipe aus. Die Szenen aus dem Na Nu, einem Treffpunkt für Rocker, Neonazis und andere Prolls sind hinreißend. Die Mauer ist gefallen: „Beim Kassieren kamen mir immer öfter Hominiden aus der Zone entgegen – schnäuzertragende, der deutschen Sprache nur in Spurenelementen mächtige Armleuchter aus Dresden oder Leipzig oder Kyritz an der Knatter, die Judenwitze rissen oder gestiefelt und gespornt waren wie Söldner auf dem Kriegspfad.“

Seit dem „Kindheitsroman“ 2004 verarbeitet Henschel sein Leben zu Literatur. Jedes Buch trägt im Titel eine Gattungsbezeichnung und stimmt auf Mehrdeutigkeit ein. Die Erzählung folgt strikt der Chronologie. Die mosaiksteinartigen Szenen gaukeln dem Leser vor, er folge gleichsam in Echtzeit dem Helden.

Vergessen Sie Karl Ove Knausgard! Henschel hat sein Projekt fünf Jahre früher begonnen als der norwegische Autor. Und statt Pathos und Überhöhung bietet Henschel ein genau gezeichnetes Panorama des kleinbürgerlichen Alltags in der Bundesrepublik. Sein alter ego Schlosser ist nachrichtensüchtig, und was er zum Beispiel zur Asylpolitik und zum Umgang mit Flüchtlingen in den Wendejahren 1988, 1989 beobachtet, unterscheidet sich erschreckend wenig von der heutigen Diskussion.

Henschel unterzieht zudem sein jüngeres Selbst einer ebenso unbarmherzigen wie witzigen Selbstkritik. Wie selbstherrlich geht er mit seinem Freund Hermann um. Hermann soll als „mäzenatische Tat“ für 100 Mark die Kopie eines Romans von Martin kaufen. Er weigert sich – und der empörte Martin verhält sich wie sein Vorbild, der Autor Arno Schmidt, und kündigt die Freundschaft auf. Die Reue kommt erst später.

Alle Ungeschicklichkeiten werden notiert, ein vergessener Schlüssel, ein eingeklemmter Finger. Obwohl er am Ende von seiner Freundin verlassen wird und auf die esoterischen Neigungen der Öko-Tussi keine Rücksicht zu nehmen bräuchte, bucht er sich in einen teuren Tantra-Workshop in Münster, was wiederum einige für Martin frustrierende wie für den Leser komische Seiten ergibt.

Die im „Arbeiterroman“ beschriebenen Jahre des jungen Schriftstellers sind geprägt von Verlusten und Umbrüchen. Sein Vetter Gustav, arbeitslos, ohne Chancen, stotternd, schwul, wirft sich vor den Zug. Da trifft Henschel, ohne seinen Stil ändern zu müssen, einen sehr ernsten Ton, voller Mitgefühl: „Er war immer etwas quer ins Leben gebaut gewesen.“

Und seine Mutter erleidet einen Rückfall ihrer Krebserkrankung, der sie schließlich erliegt. Wo sonst ist solch ein Verlust so nuancenreich erzählt, in nüchternen Alltagsbeobachtungen, mit absurden Momenten, dann wieder mit distanziertem Blick auf sich: „Ich hätte nicht sagen können, wer mir mehr leidtat: Mama oder ich selbst.“ Dann Tränen, die eigenen und die der anderen. Der Arzt, der fragt, ob es die DDR noch gibt, denn wir sind im November 1989. Erinnerungen. Zeilen aus Tucholskys Gedicht „Mutterns Hände“, ohne dass es kitschig würde.

Es macht den Reichtum dieses Romans aus, wie er biografische Brüche durchmischt mit dem politischen Geschehen in einer konsequent subjektiven Darstellung. Henschel macht die Distanz zu seinem jüngeren Ich deutlich. Aber er erhebt sich nicht über die Handlungszeit mit dem Wissen, wie es weiter gegangen ist.

Der Text liest sich so schlicht und alltagsnah, dass man leicht übersieht, wie präzise er durchgearbeitet ist. Da wird der kaputten Waschmaschine ein Bibelwort nachgerufen. Aber Martin übersetzt sich auch Disneys Onkel Dagobert zurück, der im Geldspeicher in Talern badet: „Und wie ich es liebte, mir in der Dusche das warme Wasser auf den Kopf prasseln zu lassen!“ Da gibt es passgenaue Umgangssprache: „gebumfiedelt“, „Herumgezeige“, „Hinternachletzte“. Und Schläger in der Dorfdisco heißen „Inzuchtbullen“. Die geradezu archäologisch dokumentierten Sprachfunde aus Reklame und Politik: „Die schönsten Pausen sind lila...“ Über die Fernsehserie „Diese Drombuschs“ ätzt er, sie wirke „so lebensecht wie eine Unterschenkelprothese“.

Henschel legt bereits die Spuren, die zu seiner skrupulösen Lebenschronik führen. Immer wieder stöbert Martin in den Wohnungen nach alten Briefen, liest in Opas altem Terminkalender und in Mamas Gedichten und findet sogar den Brief, in dem Oma Schlosser über den „Schriftsteller in spe“ lästert. Selten hat angehäuftes Papier so reiche Früchte getragen.

Gerhard Henschel: Arbeiterroman. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg. 527 S., 25 Euro

Quelle: wa.de

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