Aribert Reimanns „Medea“ am Aalto-Theater Essen

Kraftvoll: Medea (Claudia Barainsky) und Jason (Sebastian Noack) im Aalto-Theater Essen. Foto: Forster

Essen Für Aribert Reimann bedeutete die Premiere seiner Oper „Medea“ an der Aalto-Oper in Essen eine Wiederkehr an den Ort eines seiner frühen Erfolge. 1959 wurde am Grillo-Theater sein Ballett „Stoffreste“ nach einem Libretto von Günter Grass uraufgeführt. Beim einführenden Künstlergespräch zu „Medea“ erinnerte sich Reimann daran, wie er als 22-Jähriger in einem Künstlerapartment im Grillo wohnte und beim Lüften an seinem nackten Arm Rußpartikel fand: „So schmutzig war die Luft in Essen.“

„Medea“ entstand 2010 für die Wiener Staatsoper. Die Produktion ging von dort für die deutsche Erstaufführung nach Frankfurt, wo Claudia Barainski die Titelpartie übernahm. Sie singt sie auch in Essen, und das ist ein Glück, denn Barainski ist nicht nur stimmlich in der Lage, die Herausforderungen der Partie zwischen dramatischer Wucht, rasanten Koloraturen und glasklarer Artikulation zu meistern. Sie ist eine der beiden Sängerinnen, für die die Partie geschrieben wurde. Sie bewohnt sie, kennt ihre Nuancen, hat sich mit ihr entwickelt. Jubel für eine furchtlose Sängerin, die sich nicht scheut, auf dem Bauch eine Treppe herabzurutschen und sich mit Jason zu balgen.

Neben ihr erhielt Dirigent Robert Jindra viel Applaus. Er und die Essener Philharmoniker bewältigen die Anforderungen der kargen, kraftvollen Musik sehr gut und schaffen einen Spannungsbogen, der die zwei Stunden trägt. Dennoch, die neutönerische Musik war einigen Zuhörern zu viel. Nach der Pause blieben etliche Sitze leer.

Medea ist bei Reimann die Verkörperung von Fremdheit. Reimann schrieb das Libretto nach dem Drama „Das goldene Vlies“ von Franz Grillparzer (1819). Dafür habe er sich entschieden, erklärte er, weil Grillparzers Medea, nachdem sie ihre Kinder und Jasons neue Frau getötet hat, sich entschließt, das goldene Vlies zum Orakel von Delphi zu bringen, von wo es einst geraubt wurde. Dort will sie sich dem Urteil der Götter stellen. Grillparzer konkretisierte somit den Gedanken an eine mögliche Sühne für den Kindsmord. Das greift Regisseur Kay Link aber nicht weiter auf.

Musikalisch wird Medeas Fremdheit dargestellt, indem die fünf anderen Figuren Melismen singen, das heißt, dass auf eine Silbe Text mehrere Noten kommen. Dazwischen gibt es abrupte Figurierungen und hektische kleine Pausen, so dass der Gesang stilisiert und erregt wirkt. Jasons (Sebastian Noack) Entfremdung von Medea bricht sich in herausgeschleuderten Sprechpassagen Bahn. Nur dem Unruhefaktor Medea sind weitere vokale Mittel in die Partitur geschrieben: Sie bricht in wilde Koloraturen aus, muss aber auch zarte Töne finden. Sie muss sarkastisch und verletzt sein und außer sich, als die von Jason verratene und endgültig verlassene Medea ihre Kinder tötet. Barainskis Medea ist furchtlos und trotzig. Als Medea und Kreusa, Jasons Jugendliebe, versuchen, Freundschaft zu schließen, geschieht das zu fremdartigen Klängen von Harfe und Celesta, und auch Barainski klingt fremd, wie ins falsche Bild gesetzt.

Regisseur Link bebildert die Geschichte mit sparsamer Symbolik, wirft grelle Lichter auf Schlüsselmomente, ohne weitere Ideen zu entwickeln. Bestimmend ist seine Farbsymbolik. Medea ist in Rot eine wandernde Provokation. Die Kreon und Kreusa zugeordnete Farbe ist Blau.

Jason und Medea suchen Schutz bei Kreon in der Stadt Korinth, in Essen eine drehbare modernistische Sicherheitsarchitektur (Bühne, Kostüme und Video: Frank Albert). Kreons (Rainer Maria Röhr) Tochter Kreusa ist Jasons Kinderliebe. Liliana de Sousa singt sie als Karikatur eines Glamourgirls mit kaugummifarbenem Haar, zwitschernd und hämisch. Sie trägt stets etwas Glitzerndes; so greift Albert die glitzernde Musik auf, mit der Reimann Kreusa darstellt. Amme Gora (Marie-Helen Joel) taucht als mahnender Schatten und Beobachterin Medeas auf.

Die Zaubermotivik – Medea war in ihrer Heimat Kolchis eine Zauberin – bebildert Link mit Hilfe einer von innen leuchtenden Kiste. Das goldene Vlies bewegt sich hinter Medea her (durch Statisten, die Choreografie stammt von Julia Schalitz vom Aalto-Ballett) und flattert im Finale als Riesenumhang – das ist ein bisschen viel Fantasy. Der Herold kommt wie eine Kreuzung aus Engel und Bond-Bösewicht daher. Gesungen wird er mit scharfer Bosheit von dem famosen Countertenor Hagen Matzeit. Ein starker Abend für Sänger.

Edda Breski

Die Oper

Eine Oper mit neutönerischer, karger und kraftvoller Musik, die auch von starken Gesangsleistungen getragen wird.

Medea am Aalto-Theater Essen; 28. 3.; 6., 11., 17. 4.; 10. 5.; Tel. 0201/8122 200; www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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