Arne Vogelgesang informiert am Theater Dortmund über „Flammende Köpfe“

+
Arne Vogelgesang in seiner Videovorlesung am Theater Dortmund mit dem Videobild und dem Computer-Avatar von Steffi Schulz, dem „Giftzahn“, einer rechten Hassbloggerin.

DORTMUND - Owe Schattauer regt sich beim Autofahren auf, filmt das und stellt es ins Internet. Aber er richtet seine „Stimme des Zorns“ nicht gegen Blitzer an der Autobahn oder den Schleicher auf der linken Spur. Er wütet gegen „die da oben“, die ihn „verarschen“, gegen die „Lügenpresse“. Er sinniert: „Wer das System kritisiert, der wird diffamiert“. Er ist laut, er fuchtelt mit dem Arm, er korrigiert die Position des Smartphones, mit dem er sich filmt. Man sorgt sich um den Blutdruck des Mannes, um die Verkehrssicherheit.

Owe Schattauer ist einer von einem guten Dutzend „normaler Bürger“, die mit Hassbotschaften im Internet Mitstreiter gewinnen und den Staat verändern wollen. Man begegnet ihm und den anderen in „Flammende Köpfe“, einer „Video-Lecture-Performance“ am Schauspiel Dortmund. Arne Vogelgesang stellt die Stimmen jener vor, die für sich beanspruchen: „Wir sind das Volk“. Vogelgesang, Jahrgang 1977, dunkle Brille, Rauschebart, grauer Anzug, hat die Youtuber und Facebook-Blogger studiert, ihr Material gesammelt. Nun informiert er das Publikum, zwei Stunden lang, mit Ausschnitten, mit Analysen, mit Kommentaren. Von einigen der markantesten Gestalten formt er Avatare. Die digitalen Wesen aus dem Netz wollten ihn zu etwas animieren, sagt er, da animiere er einfach zurück. Die verfremdeten Köpfe, sprechen kurz Originalton und nehmen ihren Platz an der Wand ein, wo sie zu seinen Ausführungen wackeln als bizarres Ballett.

Das Schauspiel Dortmund stellt eine neue Spielform vor. Vogelgesangs theatrale Performance erzählt nicht, sie überträgt Elemente eines Essays auf die Bühne. Es erinnert an den Abend „Die Schwarze Flotte“ nach Recherchen des Reporterteams „Correctiv“. Aber Vogelgesang hält Distanz zu seinem Gegenstand. Er geht von den Ausschreitungen vom Februar 2016 in Clausnitz aus, als wütende Demonstranten einen Bus mit Flüchtlingen blockierten und „Wir sind das Volk“ skandierten. Einer von ihnen filmte die Ereignisse mit dem Handy und lud das später ins Internet hoch. Es war nicht der erhoffte Propagandaerfolg, zu sehr polarisierte der Film, löste Mitgefühl für die verstörten, bedrängten Flüchtlinge aus.

Vogelgesang unterstreicht, dass er neutral bleiben möchte, dass es ihm um Verstehen geht. Er schlägt vor, sich in den Filmenden einzufühlen, den Film anzusehen, als halte man selbst gerade das Smartphone, aus der „Ego-Shooter-Perspektive“. Mehrmals am Abend nimmt er den Blickwinkel der rechten Propagandisten ein, indem er sich ihre Haltung und ihre Worte anverwandelt. Dann steht er vor dem laufenden, stumm geschalteten Video und spricht den Text statt Schattauer, Tatjana Festerling, Hagen Grell.

Man kann bei diesem Re-Enactment an den Fernsehsatiriker Oliver Kalkofe denken. Aber Vogelgesang zielt nicht auf den Lacher, auf Übertreibung und Bloßstellung. Er tritt den sprechenden Köpfen aus dem Internet von gleich zu gleich gegenüber. Wenn das Publikum lacht – und es lacht oft genug –, dann geschieht es, weil die Dummheit, das Stereotype und das Verlogene in diesem Arrangement von allein sichtbar werden. Vogelgesang bleibt immer freundlich, ohne sich mit seinen Figuren gemein zu machen.

Zwei Stunden Text und Videoschnipsel, und doch ist es nicht ermüdend. Vogelgesang zeigt, wie der Slogan „Wir sind das Volk“, ursprünglich von der Bürgerrechtsbewegung der DDR geprägt, eine zweite Karriere bei der Linken begann, um 2003 bei Montagsdemos, ehe ihn die Rassisten und Antidemokraten übernahmen. Und wie dann rechte Aktivisten begannen, sich die Ästhetik und die Kommunikationsstrategie der Linken anzueignen. In Thüringen bauen schwarz Gekleidete einen Zaun gegen Flüchtlinge. Sie persiflieren eine Aktion des Zentrums für politische Schönheit, das Grenzzäune in Südeuropa zerschnitt. Ihre Hasstiraden gegen die Kanzlerin gibt Steffi Schulz als Satire aus (der „Giftzahn“ spricht), um sich gegen juristische Verfolgung abzusichern. Und was schlägt den Welpenblick einer Bibi Wilhailm, die deutsche Männer auffordert, gegen die Scharen eingewanderter Vergewaltiger etwas zu unternehmen? Wobei niemand weiß, ob es Bibi wirklich gibt, sie ist ein Facebook-Mythos.

Wie der Hass entsteht, das kann Vogelgesang auch nicht erklären. Aber er macht die Muster der nationalen Hassvideos durchschaubar. Der Zuschauer bekommt Belehrung und Belustigung bei einem Thema, das anderes erwarten ließe.

1., 30.4., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare