„Art et Liberté“: Kunstsammlung NRW stellt ägyptische Künstlergruppe vor

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Die Aggression ist erkennbar, auch wenn die Figuren puppenhaft abstrahiert wurden: Das Gemälde „Knüppelschläge“ (1937) von Mayo ist in der Ausstellung „Art et Liberté“ in Düsseldorf zu sehen.

DÜSSELDORF - Unentwirrbar sind die Stäbe und Stangen verflochten, ein Gewirr aus Stuhlbeinen, Latten eines Zauns, von dem man noch Teile sieht, Armen, Beinen, Knüppeln. Mayo, mit bürgerlichem Namen Antoine Malliarakis, hat 1937 an die Polizeigewalt gegen eine Studentendemonstration gedacht, als er das Bild malte.

Je länger man in das Gemälde hineinschaut, desto mehr Details kann man entziffern, den Tisch mit der umgestoßenen Flasche und dem leeren Glas. Die Zigarettenschachtel. Und verzerrte, gequälte menschliche Körper. Vorn sieht man ein deformiertes Gesicht mit schmerzlich aufgerissenem Mund. Es erinnert an die Figuren in Picassos „Guernica“. Vielleicht hat das große Anti-Kriegs-Bild oder Studien dazu Mayo als Inspiration gedient.

Zu sehen sind die „Knüppelschläge“ in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. Die Ausstellung „Art et Liberté – Umbruch, Krieg und Surrealismus“ beleuchtet ein unbekanntes Kapitel der Kunstgeschichte. Wer weiß schon im abendländischen Kulturkreis, dass sich vor dem Weltkrieg in Kairo eine Gruppe unter dem Motto „Art et Liberté“ (Kunst und Freiheit) zusammenschloss? Die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath haben das Material zusammengetragen, rund 100 Kunstwerke und ebenso viele Dokumente. Nach Stationen im Centre Pompidou in Paris und im Centro Reina Sofia in Madrid ist die Schau im K20 am Rhein zu sehen.

Selbst der kundige Besucher wird die wenigsten Künstler kennen, den französischen Schriftsteller Edmond Jabès und die amerikanische Fotografin Lee Miller (von der einige starke Aufnahmen aus der Wüste gezeigt werden) am ehesten. Beide lebten einige Zeit in Kairo. Aber Namen wie Amy Nimr, Inji Efflatoun, Ramses Younane, Kamel el-Telmisany muss man sich erst mal merken. Und zu einigen Künstlern haben die Kuratoren nicht einmal Lebensdaten gefunden. Aber die Bildsprache wirkt sehr vertraut. Viele Mitglieder von „Art et Liberté“ entstammten der bürgerlichen Schicht der multinationalen Metropole Kairo. Mayo hatte in Paris Kunst studiert, Inji Efflatoun, Tochter einer Aristokratenfamilie, besuchte das Lycée français in Kairo, Amy Nimr studierte in London. Auf Fotos sehen die Mitglieder der Gruppe sehr mitteleuropäisch aus, die Herren in Anzug und Krawatte, die Damen in modischen Kostümen. Schon der relativ hohe Anteil an Frauen zeigt aber den Ausnahmecharakter der Gruppe, selbst wenn in den 1930er Jahren das Königreich Ägypten noch klar von der Kolonialmacht Großbritannien beherrscht wurde. „Art et Liberté“ wurde gebildet als Gegenbewegung gegen eine konservative Gesellschaft, in der es starke Sympathien für die faschistischen Mächte Deutschland und Italien gab. Eine Art Gründungsurkunde war das Manifest „Es lebe die entartete Kunst“, das im Dezember 1938 in Kairo publiziert wurde, auf französisch und arabisch. Im Surrealismus fanden die ägyptischen Künstler eine Bildsprache abseits der Konventionen, in der sie ihre gesellschaftskritischen Absichten ausdrücken konnten.

Eine zentrale Figur war der Schriftsteller Georges Henein (1914-1973), Sohn eines Diplomaten, mit einem Abschluss an der Pariser Sorbonne, der in engen Kontakt zum französischen Ober-Surrealisten André Breton kam. Kairo war einige Jahre lang ein Knotenpunkt im internationalen Netzwerk des Surrealismus. Die Schau ist schon darum hoch instruktiv: Sie beleuchtet einen prägenden Moment der Kunstgeschichte abseits des vertrauten eurozentrischen Kanons. Und die Kunstsammlung möchte im Herbst 2018 mit dem Projekt „Die exzentrische Moderne“ den Blick auf die globale Moderne abseits des Westens weiten.

Nicht alle Werke im K20 sind Spitzenkunst. Man sieht oft die Prägung durch die Pariser Vorbilder. Allerdings sollte man sich vor westlichem Hochmut hüten. Ramses Younane wies darauf hin, dass die europäische Avantgarde sich gerade von der afrikanischen und orientalischen Kunst hatten inspirieren lassen. Der Surrealismus von „Art et Liberté“ sei gerade kein Kolonialismus, sondern eine Art Rückkehr.

Es gibt jedenfalls berührende Kunstwerke zu entdecken, zum Beispiel die Unterwasserbilder mit Skeletten, in denen Amy Nimr den Tod ihres kleinen Sohnes in der Wüste verarbeitete. Samir Rafi malt eine düster-morbide Sumpflandschaft mit liegenden oder flüchtenden Figuren, ein Echo der Weltkriegsschrecken („Nackte“, 1945). Ramses Younane gibt in einem Gemälde ohne Titel (1939) der Frau, die er vor einer Ebene wie ein Tor arrangiert, afrikanische Züge. Majestätisch porträtiert Mahmoud Said 1933 seine „Frau mit den goldenen Locken“.

In Kairo waren zeitweise 140 000 alliierte Soldaten stationiert. Zahlreiche Frauen prostituierten sich, um ihren Familien das Überleben zu sichern. Diesen „Stadtfrauen“ widmeten sich die Künstler von „Art et Liberté“. Kamel el-Telmisany und Fouad Kamel malten Frauenakte, die ausgemergelte, manchmal maschinenhaft deformierte oder fragmentierte Gestalten zeigten.

Stark sind die surrealistischen Fotografien, denen ein eigenes Kabinett gewidmet ist. Abduh Khalil fotografiert eine Frau im Kopfstand vor einer Pyramide so, dass die Formen sich überlagern. Ida Kar verfremdet durch die Nahaufnahme zwei abgegessene Rippenknochen mit Fleischresten zu einer „Umarmung“. Und Van Leo, später ein Prominentenfotograf, schuf 1945 eine Serie von Selbstporträts, in denen er mal als Magier, mal als Femme fatale posiert.

Bis 15.10., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0211/ 8381204, www.kunstsammlung.de, Katalog, Editions Skira, Paris, 35 Euro

Quelle: wa.de

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