Arwed Messmer erzählt in Bilddokumenten die Geschichte der RAF neu

Blick auf den Plattenspieler von Gudrun Ensslin. Der Polizeifotograf nahm das Bild in der Zelle in Stammheim am 18. Oktober 1977 auf, dem Tag des Selbstmords der RAF-Terroristin. - Fotos: Museum Folkwang

ESSEN - Auf dem Plattenspieler liegt Bob Dylans LP Desire, der Tonarm ist noch auf der Vinylscheibe. Der Betrachter dieses Fotos fühlt sich ein wenig wie in Dornröschens Schloss, wie in einem Moment eingefrorener Zeit. Das Foto stammt aus der Gefängniszelle von Gudrun Ensslin in Stuttgart-Stammheim. Ein Polizeifotograf hat es aufgenommen, am 18. Oktober 1977, dem Tag, als Ensslin sich mit Andreas Baader und Jan-Carl Raspe umgebracht hat.

Zu sehen ist das Foto im Museum Folkwang. Der Künstler Arwed Messmer, der sich als Bildarchäologe versteht, hat aus dem reichen Archivmaterial, das zur Geschichte der Terrororganisation existiert, die Ausstellung „RAF – No Evidence / Kein Beweis“ komponiert. Die Erinnerung an die RAF konzentriert sich auf wenige Motive, die unscharfen, gerasterten Fahndungsfotos, die demütigenden Polaroids des entführten Hanns-Martin Schleyer und einige Bilder, die dem „Stern“ aus Polizeikreisen zugespielt wurden. Mit diesen formelhaften Visualisierungen verengt sich auch die Erinnerung. Der Terror von links wird zum Mythos, und darüber droht verloren zu gehen, was sich wirklich ereignete.

In vier Räumen breitet Messmer nun alternatives Bildmaterial aus. Es lässt die Schreckgespenster des Deutschen Herbstes auf menschliches Maß schrumpfen. Wie hoch der Erregungspegel damals war, zeigt der erste Raum, in dem das Begräbnis der drei toten Terroristen dokumentiert wird. In der Öffentlichkeit wurde damals diskutiert, wo die drei Terroristen bestattet werden sollten, und ob überhaupt. Der Oberbürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, setzte sich auch gegen Parteifreunde durch und sorgte für ein Gemeinschaftsgrab auf dem Dornhaldenfriedhof. Die Beisetzung wurde zu einem nationalen Event, wie zahlreiche Polizeifotos und eine Sequenz aus dem Film „Deutschland im Herbst“ von Rainer Maria Fassbinder, Alexander Kluge und Volker Schlöndorff zeigen. Unter großem Polizeiaufgebot kamen nicht nur Verwandte, sondern auch Interessierte aus dem linken Spektrum. Die Beerdigung sieht aus wie eine Demonstration, mit Vermummten, aber auch mit langhaarigen Leuten in Parkas, deren Motivation sich ihrem Verhalten nicht eindeutig ablesen lässt, die eher aussehen, als besuchten sie ein Rockfestival.

Dagegen stehen die Fotos des nächsten Raums, Aufnahmen aus den Zellen, darunter auch die eingangs beschriebene mit Ensslins Plattenspieler. Aber auch Schwarz-Weiß-Bilder aus einer Anfang der 1970er Jahre entdeckten konspirativen Wohnung. Vieles daran, zum Beispiel der Blick in die Küche mit Cornflakes-Schachtel, Fruchtsaft-Tetrapak, benutztem Geschirr erinnert an eine normale Studenten-WG. Die Bücherregale spiegeln die bildungsbürgerliche Herkunft der Terroristen, hunderte von Büchern, einschlägige Fachliteratur wie die Schriften von Marx und Lenin, aber auch Schriften von Franz Neumann, Erich Fromm, Willy Brandt, Margret Boveri („Der Verrat im 20. Jahrhundert“). Und zur Unterhaltung konsumierten sie Donald-Duck-Comics und die Thriller von Mickey Spillane. Verstörend wirkt in dieser Umgebung nur eine offene Reisetasche voller Schusswaffen. Irgendwie muss es zwischen den Anschlägen Momente der Entspannung gegeben haben. Böse Menschen haben keine Lieder? Man sieht immer wieder Plattenstapel, vor allem Klassik: Bach, Monteverdi, Beethoven. Die Revolutionäre konnten ihre bourgeoisen Wurzeln nicht ganz kappen.

Messmer hinterfragt die Überlieferung. Er gräbt eine Diaserie aus, in der die Polizei einen gescheiterten Festnahmeversuch am 6. Februar 1971 in Frankfurt rekonstruierte. Damals konnten Astrid Proll und Manfred Grashoff entkommen. Später versuchte der Generalbundesanwalt, die RAF-Mitglieder wegen Mordversuchs anzuklagen, auf der Grundlage unter anderem dieser nachgespielten Szenerie. Dabei schlüpften Polizisten in die Rollen von Proll und Grashoff, was wegen ihrer biederen Kleidung eine unfreiwillige Komik in die Szenen bringt. Der Fotoroman hielt aber der rechtlichen Prüfung nicht stand, das Gericht fand das Reenactment nicht überzeugend.

Schließlich führt die Ausstellung in die Anfänge der Bewegung zurück, zu den frühen Studentenprotesten. Ein Wendepunkt war der Tod Benno Ohnesorgs, der von einem Polizisten hinterrücks erschossen wurde. Wenige Wochen später wurde die Beerdigung des ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe Anlass für ein Happening, bei dem Linke in einem Sarg symbolisch die Berliner Justiz zu Grabe trugen. An dem Event nahmen Baader, Ensslin und weitere Akteure der Szene teil, viele geschminkt und verkleidet. Die vergrößerten Abzüge von Polizeifotos erinnern an Love Parade oder Christopher Street Day. Man fragt sich, ob die Verwandlung dieser Spaß-Guerilla in Gewalttäter zwangsläufig war.

Bis 3.9., di – so 10 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 000, www.museum-folkwang.de, Katalog in Vorbereitung, Verlag Hatje Cantz Berlin

Quelle: wa.de

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