Ausstellung „21 Rue la Boétie“ in Lüttich über den Galeristen Paul Rosenberg

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Pablo Picassos „Portrait von Mme Rosenberg und ihrer Tochter“ ist in Lüttich zu sehen.

LÜTTICH - Ein bisschen unsicher schaut Madame Rosenberg aus dem Bild. Dabei thront sie auf einem prächtigen Lehnstuhl, auf dem Schoß ihre dralle, anderthalb Jahre alte Tochter Micheline, die unwirsch herumzappelt. Das Familienporträt markiert den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Paul Rosenberg und Pablo Picasso, der es 1918 auf Wunsch des Galeristen malte.

Zu sehen ist das Bild im Museum La Boverie in Lüttich, in der Ausstellung „21 Rue La Boétie“. Das war zunächst die Adresse von Paul Rosenbergs Galerie in Paris. Vor ein paar Jahren betitelte die bekannte französische Fernsehjournalistin Anne Sinclair ihr Buch so, in dem sie Leben und Werk ihres Großvaters schilderte. Sie inspirierte die ebenso benannte Ausstellung.

Paul Rosenberg (1881–1959) war Sohn einer aus Ungarn zugereisten jüdischen Familie. Sein Vater gründete 1870 ein Antiquitätengeschäft, und Paul ebenso wie sein älterer Bruder Léonce wandten sich der Branche zu. 1911 gründete Paul seine eigene Galerie, in der er Impressionisten und andere Werke des 19. Jahrhunderts, aber auch Bilder der Avantgarde handelte. In der Schau dokumentieren Werkgruppen von Picasso, Henri Matisse, Georges Braque, Fernand Léger, welche Schätze durch seine Hände gingen.

Mit Picasso zum Beispiel war er befreundet, man nannte sich „Pic“ und „Rosi“, und Rosenberg überredete den Maler dazu, ins Haus neben seiner Galerie zu ziehen. So sah er als erstes die entstehenden Bilder. Als Picasso für die Ballets Russes 1919 die Bühnenausstattung zum Ballett „Der Dreispitz“ schuf, hatte Rosenberg die Idee, dazu eine Serie mit Drucken aufzulegen. Rosenberg initiierte auch große Ausstellungen seiner Künstler, und er verkaufte weltweit. Picassos Stillleben „Gitarre auf einem roten Teppich“ (1922) zum Beispiel verkaufte er Walter Percy Chrysler jr., dem kunstsinnigen Sohn des Automobilmagnaten, als der auf Einkaufstour in Paris war.

Als die Nazis aber 1940 in Frankreich einmarschierten, floh Rosenberg in die USA. In New York, wo er schon Kontakte hatte, gründete er wieder eine Galerie. Allerdings hatte ihn das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime enteignet. Die Nazis plünderten nach der Besetzung von Paris die Galerieräume, die geraubten, als „entartet“ diffamierten Bilder wurden entwendet und zum Teil auf den Kunstmarkt gebracht. Und in den Räumen der Galerie wurde ein „Institut für Judenforschung“ eingerichtet. 2000 Kunstwerke hatte Rosenberg zurücklassen müssen, nur einen Teil bekam er nach dem Krieg zurück. Einen Zug, der 1944 tausende Raubkunstwerke in die besetzte Tschechoslowakei bringen sollte, stoppten amerikanische Truppen bei der Befreiung von Paris. Unter den Soldaten war Paul Rosenbergs Sohn Alexandre, der einige der Bilder als Familienbesitz wiedererkannte.

Die Ausstellung ist sehr ungleich inszeniert: Rosenbergs Galeriearbeit wird mit Werkgruppen der von ihm vertretenen Künstler dokumentiert. Da sieht man rund 60 Werke, darunter Leihgaben aus dem Museum of Modern Art in New York und dem Pariser Centre Pompidou, dem Rosenberg nach dem Krieg eine Reihe von Bildern schenkte – auch als Dank für die Hilfe bei der Wiedergewinnung von Raubkunst. Neben Meisterwerken von Picasso, Léger, Matisse begegnet man auch den poetisch-verträumten Figurenbildern von Marie Laurencin (1883–1956), die er von 1913 an vertrat.

In den Kapiteln über die Nazibesetzung und die geraubten Bilder wird die Schau dokumentarischer, mit Fotos und Texttafeln. Hier konfrontiert das Museum erwünschte NS-Kunst mit Werken von Chagall, Picasso, Ensor. Das Haus thematisiert die Auktion von Luzern, wo die Nazis „entartete“ Kunst versteigern ließen und eine Delegation aus Lüttich eine Reihe von Werken erwarb. Die Bilder sind ausgestellt, obwohl Picassos Porträt der Familie Soler und Gauguins „Magier von Hiva Oa“ nicht durch Rosenbergs Hände gingen.

Spannend bleibt die Geschichte der verschleppten Bilder allemal. Gleich mehrere Werke hatte zum Beispiel der Schweizer Waffenfabrikant Emil Bührle erworben. Ein Gerichtsurteil sprach 1948 diese Bilder Rosenberg zu. Bührle gab sie zurück, nahm aber Kontakt zum Galeristen auf und erwarb Bilder von Corot, Manet und Pissarro einfach noch einmal.

Und ein Gemälde, „Profil bleu devant la cheminée“ von Matisse, hing jahrzehntelang in einem norwegischen Museum. Erst als es 2012 für eine Ausstellung nach Paris ausgeliehen war, identifizierten Mitglieder der Familie Rosenberg es als Raubgut. 2014 wurde es zurück gegeben. Nun ist es in Lüttich zu sehen.

Bis 29.1.2017, di – fr 9.30 – 18, sa ,so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0032/ 2/ 549 60 49, www.21ruelaboetie.com,

Katalog (frz., nl., engl.) 30 Euro

Quelle: wa.de

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