Ausstellung in Leuven erinnert an Thomas Morus‘ „Utopia“

Ein Ort voller Genüsse und Liebe: Der Meister von Frankfurt, ein Antwerpener Maler, schuf das Schützenfest 1493. - Fotos: Museum

LEUVEN - Die Welt ist eine Maschine. Zumindest hat sie der unbekannte Künstler auf dem kostbaren Teppich aus Flandern oder Tournai so dargestellt: Als Astrolabium, also als Instrument, mit dem man die Position eines Sterns bestimmen kann. Oder auch die Zeit. Um den Polarstern in der Mitte kreisen Sternbilder wie der große Bär, mythische Helden wie Herkules, Drachen und mittelalterliche Gelehrte. Und Gott lässt einen Engel die Kurbel drehen, die alles in Bewegung hält.

Das Werk „Die Bewegung des Universums“, entstanden zwischen 1490 und 1510, ist im Museum M in Leuven zu sehen, in der Ausstellung „Auf der Suche nach Utopia“. Es bringt den Umbruch jener Zeit auf einen Nenner: Der Künstler betrachtet die Welt nicht mehr als undurchschaubares Phänomen, sondern er verbildlicht sie mit einem der Meisterwerke des wissenschaftlichen Instrumentenbaus. Als etwas Gemachtes, das man mit den Gesetzen von Ursache und Wirkung erklären kann.

Anlass der aufwändigen Schau ist ein Buch, das vor genau 500 Jahren in der flämischen Stadt gedruckt wurde. Thomas Morus hatte in „Utopia“ eine ideale Gesellschaft auf einer Insel geschildert, eine Gesellschaft ohne Hunger, in der alle arbeiten, aber nur sechs Stunden am Tag, demokratisch gestaltet, mit absoluter Religionsfreiheit. Der Engländer Morus (1478-1535) war angesehener Jurist und machte Karriere am Hof Heinrichs VIII, wurde gar Lordkanzler. „Utopia“ wurde zur Bezeichnung eines literarischen Genres und eines politischen Konzepts. Bis heute hat die Vorstellung visionärer Weltentwürfe ihre Anziehungskraft nicht eingebüßt.

Die Ausstellung widmet sich einer Epoche des Aufbruchs. Die Zeit um 1500 war geprägt von Neuerungen in Kunst, Philosophie, Wissenschaft. Diese Geschichte erzählt die prachtvolle Schau mit mehr als 70 kostbaren Leihgaben aus den großen Museen der Welt. Der erste Saal ist dem Epochen-Buch gewidmet, so liegt in einer Vitrine relativ unscheinbar die in Latein verfasste Erstausgabe. Aufgeschlagen ist eine Seite mit einem Holzschnitt, der die erfundene, mondförmige Insel zeigt, gegenüber sieht man das Alphabet der Utopier. Ein mehr als dreieinhalb Meter breites Panorama bildet Leuven 1540 ab. Daneben hängen Porträts der großen Humanisten, Morus selbst, leider nicht das Original von Hans Holbein, aber eine qualitätvolle alte Kopie aus der National Portrait Gallery in London und dazu das Familienbildnis der Moores von Rowland Lockey (1593). Morus’ Humanisten-Freunde Erasmus von Rotterdam und Pieter Gillis, der Stadtschreiber von Antwerpen, wurden von Quinten Metsys porträtiert. Von Metsys stammt auch das eindringlichste Werk dieses Saals, das Porträt eines unbekannten Gelehrten (ca. 1522–27), das ungemein lebendig den uneitlen Intellektuellen fixiert. Welch ein Gegensatz zu Martinus van Reymerswaeles Darstellung des Hieronymus im Studierzimmer (um 1540), der hagere Heilige mit seinen Spinnenfingern, wirrem Bart und stechendem Blick wirkt wie eine Karikatur.

Was die Menschen um 1500 erhofften oder fürchteten, hielten Künstler in Gemälden fest. Die Schau stellt das gegenüber: Das unbeschwerte Treiben im allegorischen Schützenfest (1493) des Meisters von Frankfurt, einer komplexen Allegorie über freie Liebe und ein glückliches Leben. Und die Versprechungen von Paradiesdarstellungen, zum Beispiel in einer prachtvollen Buchmalerei von Simon Marmion (um 1460). In den Klöstern Flanderns schufen Nonnen Paradiesgarten-Altäre, heute würde man die Materialcollagen aus Kruzifixen, Heiligenfiguren, Reliquien, Stickerei vielleicht als Mixed Media bezeichnen. Drei opulente Stücke aus dem frühen 16. Jahrhundert, zwei mit gemalten Flügeln, sind ausgestellt.

In die Epoche fiel auch das bahnbrechende Werk von Hieronymus Bosch. Die Originale waren offenbar nicht verfügbar – kein Wunder, wurde doch gerade erst sein 500. Todestag mit der großen Retrospektive in ‘s-Hertogenbosch und Madrid gefeiert. Aber eine ganze Serie von Tafeln, die Nachfolger schufen, zeigt die figurenreichen Paradies- und Höllenvisionen des Meisters. So kommt aus dem Metropolitan Museum in New York die grandiose Darstellung „Christi Abstieg in die Hölle“ (ca. 1525-1550), die die Unterwelt als Ödnis mit schwarzen Flüssen und Vulkanen schildert, deren Schrecken weniger von den Monstern darin herrühren als der schmerzenden Weite und Ausweglosigkeit.

Zugleich war es die Ära der Welteroberung durch die Europäer. Amerika war entdeckt worden, das Bild von der Erde musste erneuert werden. In der Ausstellung sind prachtvolle Landkarten ausgestellt. Wiederum in einer Buchmalerei Simon Marmions (1459-1463) findet man noch das mittelalterliche Weltbild in Form von drei Kontinenten, die durch eine T-Form aus Wasser getrennt sind. Eine Karte von Nordafrika, die 1482-85 in Gent zu der Geographie des antiken Gelehrten Ptolemäus geschaffen wurde, verbindet schon recht detaillierte Vorstellungen vom Verlauf des Nils und von Gebirgen mit einer bunten Menagerie aus Leoparden, Schlangen, Drachen, dunkelhäutigen Menschen und erdachten Wesen. Ein Höhepunkt der Schau ist die mehr als zwei Meter breite Weltkarte des Pierre Desceliers von 1550, die detailreich das damals vorhandene Wissen zusammenfasst und immerhin die Form von Amerika, Afrika und Asien recht ähnlich wiedergibt. Ein weiterer Kontinent ist wohl nicht Australien, das erst 1606 entdeckt wurde, sondern eine Phantasieschöpfung der Künstler, heißt es im Katalog. Es gibt die kolonial geprägten Darstellungen der „Wilden“, zum Beispiel in einer lebensgroßen Holzfigur aus den Niederlanden (frühes 16. Jh.). Aber es gab auch schon Handel mit den Eingeborenen, wie eine feine Elfenbeinschnitzerei zeigt, die afrikanische Künstler in Benin für portugiesische Kunden schufen.

Die Wissenschaft machte einen Riesensprung. Leuven war Produktionsort für wissenschaftliche Instrumente wie Astrolabien und Armillarsphären. Man begann die Welt und den Himmel zu vermessen und zu erkunden. Diese Instrumente ermöglichten die Schifffahrt auf hoher See, außerhalb der Sichtweite der Küste. Und der Zeitbegriff wandelte sich: Das Mittelalter kannte nur den Rhythmus der sich ewig wiederholenden Jahreszeiten. Nun baute der Mensch sich Uhren.

Bis 17.1.2017, mo – so 11 – 18, do bis 22 Uhr, mi geschlossen, Tel. 0032/16/27 29 29, www.utopialeuven.be, Katalog (nl., frz., engl.) 54,95 Euro

Quelle: wa.de

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