Ausstellung „Oer“ in Gent erkundet Anfänge der Moderne in Flandern

Altartafeln als Vorbild nahm Gustave Van de Woestyne in seinem Gemälde „De slechte Zaaier“ (Der schlechte Säer, 1908). - Fotos: Museum

GENT - Weit schreitet der „schlechte Säer“ aus. Seine Füße stecken in wuchtigen Holzschuhen, aus einer sackartigen Schürze holt er die Körner, die er mit der weit ausgreifenden Rechten ausstreut. Hinter ihm fliegt ein Krähenschwarm herbei und macht die Arbeit gleich wieder zunichte.

Dieses so archaisch wirkende Gemälde schuf Gustave van de Woestyne 1908, aber es scheint zwischen den Zeiten zu stehen. Der aus Gent stammende Künstler (1881–1947) hat den Stil mittelalterlicher Altartafeln minutiös nachempfunden, bis hin zum Goldgrund, der den Himmel markiert. Auch das Thema ist christlich grundiert mit Bezug auf das Gleichnis vom Sämann im Neuen Testament. Den Sämann findet man bei Millet, van Gogh und schon bei Brueghel. Van de Woestyne scheint in seinem Bild ganz rückwärts gewandt. Und doch war er ganz nah an der Gegenwart: Sein Säer ist ein bis in die Falten im Augenwinkel naturalistisches Porträt von Deeske Cnudde, einem Bauern aus dem Dorf Latem.

Das Bild markiert einen Startpunkt der Moderne in Flandern. Es ist in der Ausstellung „Oer – de Wortels van Vlaanderen“ (Ur – die Wurzeln von Flandern) im Caermersklooster in Gent zu sehen. Sie bietet eine abwechslungsreiche Übersicht über den Aufbruch der Avantgarde in Flandern. Viele Bilder hier sind Entdeckungen. Denn die Schau konzentriert sich nicht auf die ohnehin berühmten, viel gezeigten belgischen Meister wie James Ensor, Fernand Khnopff und René Magritte. Obwohl einige auch außerhalb Belgiens prominente Künstler schon vertreten sind, Ensor zum Beispiel ist ein Raum gewidmet. Die anmutigen Knabenskulpturen von Georg Minne kennt man vom berühmten Brunnen, den der Sammler Karl-Ernst Osthaus für das Museum Folkwang erwarb.

Vor allem stammen die meisten Exponate aus Privatsammlungen, allen voran der Phoebus Foundation, einer Kulturstiftung, die Fernand Huts gegründet hat, Vorstand des Antwerpener Logistik-Unternehmens Katoen Natie. Huts, von flämischen Zeitungen auch Boss des Antwerpener Hafens genannt, hat vor einem Jahr bekannt gegeben, dass er ein halbes Prozent des Umsatzes für Kultur ausgeben will. Von diesem Budget, mehr als 8 Millionen Euro, können viele Museen nur träumen. Eine erste Ausstellung im Caermerskloster, „Voor God en Geld“, zog 70 000 Besucher an. Der Mann ist zudem gut vernetzt, weitere Leihgaben der Schau stammen etwa aus der Sammlung des Unternehmers Herman de Bode.

Es ist keine Schau mit wissenschaftlichem Anspruch, hier soll ein möglichst breites Publikum erreicht werden. Das merkt man schon an der Inszenierung: Eine Auswahl akademischer Gemälde des ausgehenden 19. Jahrhunderts hängt in einem nachempfundenen großbürgerlichen Salon. Und die Bilder von Edgard Tytgat (1879–1957) werden in einem runden Raum gezeigt, in dessen Zentrum ein Karussell steht, auf dem sitzend man langsam von Bild zu Bild fährt. Tytgat liebte die fahrenden Leute und Kirmestreiben, das er in einem Bild farbenfroh darstellte.

In den Saaltexten wird der Aufbruch der belgischen Künstler als Flucht in die ländliche Idylle geschildert. So findet man eine Reihe lichtdurchfluteter ländlicher Idyllen von Emile Claus (1849–1924), immer wieder junge Frauen in sonnenbeschienener Natur. Das soll sozusagen ein Leitmotiv der Ausstellung sein, die von der Kunsthistorikerin Katharina van Cauteren kuratiert wurde. Der nationale Akzent dabei ist unübersehbar. Der flämische Besucher soll hier sich selbst wiederfinden, etwas boshaft schreibt der Standaard, hier werde „die chauvinistische Karte“ gezogen. Erst recht im etwas kitschigen Abschlussvideo mit Flanderns schönsten Seiten zum Lied „Vlaanderen, mijn land“ des Schlagersängers Will Tura.

Die Bilder allerdings fügen sich nicht in die schlichte Botschaft, es gebe so etwas wie flämische Wurzeln. Maler wie Gustave Van de Woestyne und Valerius de Saedeler reagieren in ihren frühen Arbeiten auf die Ausstellung der Flämischen Primitiven 1902 in Brügge, auf van Eyck, van der Weyden, Memling und Brueghel. Aber Van de Woestyne löste sich von seinem eigenwilligen Historismus und orientierte sich wenige Jahre später an Picasso und anderen, internationalen Vorbildern. Und ein Ensor schöpfte ohnehin aus ganz anderen Quellen, wie auch Permeke und Spilliaert.

Was die Schau wieder spannend macht, sind eben die vielen frischen Bilder. Stark vertreten ist der flämische Expressionismus, großartige Arbeiten von Constant Permeke wie „Das schwarze Brot“ (1923) zum Beispiel, eine sozialkritische Darstellung des Arme-Leute-Lebens. Oder die fiebrige Inszenierung eines Tagtraums von Frits Van den Berghe (1926), in der der Künstler mit nackten Frauen, dem Eingang zu einem Bordell und einem wolfsartigen Hunderudel unbewusstes Begehren einfängt. Gust. De Smet steht in „De Zomer“ noch im Banne des Jugendstils, namentlich Gustav Klimts. Doch die Idylle mit impressionistischem Pinselschlag weicht später anderen, urbanen Themen wie einem kubistisch verfremdeten Kneipeninterieur (De herberg, 1924) und einem anmutigen stehenden Akt vor einem offenen Fenster (1931). Und die Radlerin auf dem Gemälde von Hubert Malfait (De fietsster, 1927) bewegt sich nicht in der freien Natur, sondern auf dem Asphalt der Stadt. Wenn man den aufdringlichen nationalen Ton ignoriert, kann man in der Ausstellung viel Freude haben.

Bis 6.8., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0032/9/269 2910, www.oer.vlaanderen,

www.caermersklooster.be,

Katalog (nl.) 45 Euro

Quelle: wa.de

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