Der Autor Erpho Bell spricht über sein Stück „Bin ich rechts?“

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Erpho Bell, 1973 in Münster geboren, hat Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie in Bochum, Münster und Osnabrück studiert. Als Dramaturg war er in Bremerhaven und Moers (2003 bis 2010) tätig. Bell schreibt Kinderbücher und Theaterstücke („Muskelmann“). Zu seiner Projektarbeit zählen der „Leher Kultursommer“ und „Demenz und wir“ in Bremerhaven, eine deutsch-polnische Produktion am Helios Theater in Hamm und Lehraufträge. Bell ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Hamm - Der Autor Erpho Bell hat ein Stück geschrieben, das sich gegen Rechtspopulismus wendet. „Bin ich rechts?“ fragt bei Menschen ab 15 Jahren nach, wie sie politisch handeln. Oder ob sie wissen, wie man Konflikte human löst, ohne auf Ausgrenzung zu setzen. Bell hat beobachtet, wie schnell Jugendliche, die die Medien und das Internet unreflektiert nutzen, von der Meinungsmache rechter Zirkel infiltriert werden. „Die rechte Szene hat einen Perspektivwechsel vollzogen“, sagt Bell und meint, dass die rechtsnationale Argumentation dem Bürger hierzulande eine Opferrolle anbietet, wenn es um Flüchtlinge geht. Krieg in Syrien, Verlust der Heimat und Todesangst bei Flüchtlingen werden ausgeblende. Das Menschliche fehlt. In Hamm sprach Erpho Bell mit Achim Lettmann.

Was setzten Sie bei Jugendlichen an politischer Bildung und Einstellung voraus?

Erpho Bell: Die Voraussetzung, um über Politik überhaupt zu reden, da bin ich bei Jugendlichen genauso wie bei Erwachsenen extrem gebunden. Inwieweit wird überhaupt ein Dialog über gesellschaftliche Prozesse geführt? Das Aushandeln von Prozessen ist ja nicht überall angesagt. In der Schule gibt es das, als Systematik für das Regelsystem Schule. Aber es ist nicht vergleichbar mit dem, was außerhalb passiert. Ich setze voraus, wie die Schüler miteinander umgehen. Wie sie mit der Gesellschaft umgehen und wie gesellschaftlicher Umgang funktioniert, würde ich nicht voraussetzen.

Erhalten die Schüler von den Parteien mit Farben wie Schwarz, Rot, Grün und Gelb eine Orientierungshilfe?

Bell: Ich erinnere mich an meine eigene Schullaufbahn. Mir hat die Eindeutigkeit der Farben nicht geholfen. Es ist auch nicht der Ansatz für dieses Stück gewesen. Es geht nicht darum, was ist meine politische Haltung. Sondern was passiert mit politischem Denken, wenn es in bestimmte Richtungen geht. Die Frage, „das wird man doch wohl mal sagen dürfen, mal denken dürfen“ ist der Grund, weshalb wir das Stück gemacht haben. Der Satz führt dann schnell in Sackgassen, wenn man fragt, was heißt das denn ganz konkret? Was sind denn Lösungsangebote? Solche Denkansätze müssen hinterfragt werden, um die Einfachheit der Antwort mit den Konsequenzen zu sehen. Aussage und Tat haben an dieser Stelle zwei Gesichter.

Wie können Sie Politik interessant machen, und wie gehen Sie gegen Rechtspopulismus vor?

Bell: Wir haben uns entschieden, ein Klassenzimmerstück auf den Weg zu bringen. In dem Dialograum Schule kann mehr diskutiert werden als in vielen anderen gesellschaftlichen Räumen. Bei der Stückeentwicklung schien es uns interessant zu sein, dass wir erstmal darstellen, was heißt denn rechtsgesinntes Denken, wenn man es vollständig entfaltet. Welche Extreme können für eine Zeit im Spiel entstehen? Das ist ein Faktor der Provokation, und es ist für mich der interessantere theatrale Weg, wenn diese Argumente sich dann selbst entkräften. Innerhalb des Stückprojekts gibt es viele Fragen. Was ist Humanismus? Da müssen die Schüler drüber diskutieren. Wir beteiligen die Schüler innerhalb des Projekts. Aber gerade die humanistischen Ebenen, das ist auch meine Erfahrung aus anderen Projekten, sind schwer in der Gruppe zu aktivieren. Außer der klassischen Protest-Position. Protest funktioniert. Aber richtige humanistische Anteilnahme ist etwas, was Diskurs, was Nähe, was Vertrauen verursacht. Über die Elemente muss nachher in der Schule gesprochen werden.

Weshalb ist mediales und interaktives Spiel so qualifiziert, junge Menschen auf rechte Geisteshaltung aufmerksam zu machen?

Bell: Letztendlich findet der gesamte meinungsbildende Prozess in den medialen Formen statt. Und wir verlieren immer mehr die Sicherheit, was eigentlich Wahrheit ist. Ein Teil des Stückprojekts fragt, was denn eigentlich Wahrheit ist. Ich habe gerade in der Bahnhofsbuchhandlung einen Zeitschriftentitel mitgenommen, der belegt, wie Wirklichkeit umgedeutet wird. „Asyl. Unsere Toten. Wir trauern um die Opfer der Multikulti-Politik“. Es ist eine Perspektive, wie man auch auf Gesellschaft schauen kann. Aber wenn in der Schuldfrage mein Herz und mein Glauben an Menschlichkeit angesprochen werden, dann ist das etwas, was ich gar nicht zulassen darf. Die Argumente sind raffiniert und verführerisch geworden. Und sie finden nicht mehr so auf der Straße, nicht mehr so pöbelhaft wie bei den Skinheads in den 90er Jahren statt. Es gibt eine intellektuelle Rechte, deren Argumente gehen viel viel tiefer. Sie setzen auch nicht auf einen gesellschaftlichen Wandel. Sie definieren sich nur noch als Widerstand gegen die aktuelle Politik. Ihr Ziel ist, klassische christliche und humanistische Werte einer Gesellschaft auszuhöhlen. Darüber muss man sprechen.

Was sind die Quellen für ihre Textarbeit?

Bell: Es gibt ein Institut für Staatspolitik in Schnellroda, in Brandenburg. Das ist einer der Thinktanks der neuen Rechten. Die haben einen eigenen Verlag, eigene Schriften, die herausgegeben werden, eigene Kolloquien. Und letztendlich kommt man mit der „Identitären Bewegung“ in Verbindung. Sie ist noch nicht so ausgeprägt, wie in anderen europäischen Ländern. Die Rechte ist nicht mehr nur deutsch, sondern ein europäisches Phänomen. Und in der Europäisierung gehen sie mit anderen Begriffen um, die viel viel attraktiver sind. Es heißt nicht mehr „Ausländer raus“ sondern „Remigration“. Das ist netter und lässt sich auch mit einem Hashtag im Internet versehen. Es geht nicht mehr um „Deutschland den Deutschen“, sondern „Europa muss die kulturellen Werte beschützen“. Und da ist die „Identitäre Bewegung“, eine der populärsten und cleversten. Was die im Internet auf die Beine stellen, ist nicht tumb, sondern appellhaft, auch über Einzelprojekte und mit eigenen Werbemedien. Wie zum Beispiel ein T-Shirt „Nobody Loves Antifa“. Die würde man erstmal für ein gutgemachtes T-Shirts halten. In unserem Stück stellen wir Grundsatzfragen zu allen beteiligten Medien. In einer Probe waren zwei Türkinnen dabei, die Themen laden sich plötzlich ganz anders auf. Und wenn dann niemand bereit ist, human zu handeln – und das bleibt meine These –, dann funktionieren viele Verabredungen des Theaters. Es ist eine Show, und der Zuschauer muss nicht eingreifen. Und wenn man das zulässt und sich niemand schützend vor den anderen stellt, ist plötzlich ein ganz schaler Geschmack im Raum. Das war am Schreibtisch so geplant und es funktioniert tatsächlich. Es führt zu starkem Diskussionsbedarf bei den Schülerinnen und Schülern. Da wollen wir hin. Wir können es nicht vordenken, wir können nur einladen zum Denken.

Sind Sie mit Ihrer Theaterarbeit willkommen oder wird ihre Einflussnahme hinterfragt. Provokant verkürzt, sind Sie zu rot, zu grün?

Bell: Wir haben über dieses Problem gesprochen. Wenn Theater kommt, sind die Linken da, heißt es. Aber wenn da der Titel steht „Bin ich rechts?“ ist sofort klar, es gibt politisches Aufklärungstheater. Links oder rechts, das passiert viel stärker in den Köpfen der Lehrer. Nicht bei den Schülern. Wir versuchen, nicht eindeutig zu sein. Ob es gelingt, wird man sehen. Ich will nicht zuviel verraten. Wir führen das Stück an dem System vorbei, und das ist sicherlich eine Provokation.

Das Stück

Mit der Initiative Treibkraft Theater aus Hamm ist das Klassenzimmer-Stück „Bin ich rechts?“ entstanden. Es treten die Charaktere André und Jens auf, die, mal mehr demokratisch, mal mehr rechts orientiert, in situativen Szenen agieren, an denen Zuschauer teilnehmen können. Es geht multimedial und interaktiv zu. Das Stück richtet sich an Menschen ab der 10. Klasse. Regie führt Reimar de la Chevallerie. Es spielen Matthias Damberg und Philip Gregor Grüneberg.

12. Juni, ev. Jugendkirche (Luther-Viertel) Hamm, 19.30 Uhr;

21. Juni, Elisabeth-Lüders-Berufskolleg, 19.30 Uhr;

28. Juni, SRH Hochschule, Kleist-Forum, 19.30 Uhr;

12. Juli, Sophie-Scholl-Gesamtschule Hamm, 10 Uhr. Weitere Termine sind bisher in Ahlen, Soest und Unna geplant.

www.treibkraft- theaterinterventionen.de

Quelle: wa.de

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