Ayad Akhtars „Geächtet“ bei Ruhrfestspielen

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Für den Moment einig: Katharina Lorenz (von links), Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek und Isabelle Redfern in der Burgtheater-Inszenierung zu Ayad Akhtars Stück „Geächtet“.

Recklinghausen - Emily möchte, dass ihr Freund einem Iman in New York hilft, der Geld für seine Kirche sammelt. Im Amerika nach 9/11 wächst die Sorge, er könnte das Geld der Palästinenser- Organisation Hamas geben, schnell zum Vorwurf und Politikum. Der Künstlerin gefällt die abstrakte Ornamentik der islamischen Kultur, folglich möchte sie, dass die Religion unvoreingenommen gesehen wird.

Ihr Freund Amir ist Anwalt in einer jüdischen Kanzlei und scheut den Rechtsbeistand für einen Muslim, weil er Nachteile in seinem Job befürchtet. Dass er damit Recht behält, und was das junge Paar auseinander bringt, davon handelt das Stück „Geächtet“. Der Dramatiker Ayad Akhtar fragt nach dem ethischen Empfinden der Menschen, das in der globalen Welt eine identitätsstiftende Kraft gewonnen hat. Ausgangspunkt sind die Terroranschläge in der westlichen Welt. Die Bedrohungslage führt zu einer Unsicherheit gegenüber Andersgläubigen.

Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen wird das kluge wie konfliktgeladene Stück in einer Inszenierung des Wiener Burgtheaters gespielt. Regisseurin Tina Lanik – sie wird in diesem Jahr noch an der Oper in Dortmund inszenieren – nimmt Akhtars Text wörtlich und schafft eine Bühnenstimmung, die aufmerksam auf die Dialoge und Figuren Akhtars macht. Das ist für die Stofffülle ungemein wichtig, da der Dramatiker seinem Vorbild Shakespeare nacheifert und substanzielle Aussagen neben spitzen Bonmots setzt. Beides vermag das hervorragende Ensemble trefflich von einander zu trennen.

Nicholas Ofczarek, Theaterstar in Wien und Salzburg, tapst als selbstgerechter jüdischer Kunstkurator Isaac über die hellgraue Auslegware. Mit seiner afroamerikanischen Frau Jory – Isabelle Redfern gibt sie wach und ausgleichend – kabbelt er sich süffisant über ihre Kochversuche („Omelett“). Beide deuten dabei nur an, was im Boulevard von einem Paar erwartet wird. Diese spielerische Kunstfertigkeit löst die Spannung, die im Apartment herrscht, seit Amir über den Stolz spricht, der ihn überkam, als das World Trade Center zusammenfiel.

Es entsteht im Festspielhaus Recklinghausen kein Thrill, aber eine feine Spannung, die jedes Wort erwartet. Regisseurin Lanik breitet die ganze Klasse in Akhtars Argumentation aus. Dabei gelingt Fabian Krüger als Amir die Studie eines Scheiternden. Die Figur des gebürtigen Pakistani, der über eine Namensänderung auch für eine Karriere in New York infrage kommt, wird bei Krüger zum nachdenklichen Strategen, der erfahren muss, wie chancenlos er ist, wenn religiöse Intoleranz obsiegt. Dabei wird er, das Opfer, selbst zum Täter, als er Isaac beschimpft und seine Frau Jory („Nigger“) beleidigt. Sie hatte eine Partnerschaft in der Kanzlei angenommen, die Amir für sich reklamierte. Obwohl Amir seine Frau Emily (Katharina Lorenz) brutal schlägt, nachdem sie ihm den Beischlaf mit Isaac gestanden hat, und er erkannt hat, dass seine Assimilation fehlgeschlangen ist, gibt es Mitgefühl für den Muslim in der Wiener Inszenierung. Sein Neffe Hussein, der anfangs als junger Rapper Abe (Christoph Radakovits) auftrat, lehnt mittlerweile den Weg des Onkels ab und spricht vom Dschihad („Sie haben uns geächtet“). Das wirkt schlüssig wie beängstigend. Was geschieht mit Migranten in der westlichen Welt?

In Recklinghausen ist am Ende die Bühne leergeräumt. Die farblose Wohnlandschaft von Stefan Hageneier mit niedrigen Sitzelementen und offenen Regalen diente nur als Podium für Text und Spiel.

heute, 20 Uhr; Tel. 02361/ 92180; www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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