Ballett „Don Quichotte“ in Essen

+
Yanelis Rodriguez (Kitri) und Tomá Ottych (Don Quichotte) tanzen in der Essener Choreografie zu „Don Quichotte“

ESSEN - Achtung, das Lesen von Büchern kann zu Visionen führen! Aus einem Bücherberg erwächst auf der Bühne des Aalto-Theaters Essen eine Art lebender Monsterbaum, dann taucht eine Frau in Rot auf. Da zieht der alte Ritter von der traurigen Gestalt (Tomas Ottych) doch noch einmal los auf Abenteuer. Essens Ballettchef Ben van Cauwenbergh geht dieses Jahr mit seiner Variante des Balletts „Don Quichotte“ in die Weihnachtszeit.

Er bietet mit dem Aalto-Ballett ein traditionelles Ausstattungsballett zur Musik von Leon Minkus auf, das sich an den großen choreografischen Vorbildern orientiert, aber das Schema des Handlungsballetts auflockert. Cauwenbergh bricht die Grands Pas de Deux der Hauptfiguren Basil und Kitri auf, führt ein zweites Solistenpaar ein, was zu mehr optischen Reizen auf der Bühne führt. Damit entfernt er sich auch von der Geschichte und zeigt weniger ein Handlungsballett als eine Folge von Divertissements: vergnügliche Szenen, die die Fähigkeiten der Solisten herausstellen. Außerdem verpasst er dem traditionellen spanischen Kolorit eine Comedy-Infusion. Dorin Gal hat eine malerische Landschaft und volantreiche Kostüme entworfen. Die Musik wird von den Essener Philharmonikern unter Yannis Pouspourikas eher energisch interpretiert, Abstimmungsbedarf gab es noch im Timing.

Nachdem im Prolog der Ritter mit seinem tollpatschigen Sancho Pansa (Denis Untila) auf Suche nach der schönen Unbekannten Dulcinea (Yulia Tsoi) gegangen ist, befinden wir uns in einem spanischen Dorf. Die konventionellen Elemente der Geschichte – Frau (Kitri) liebt Mann (Basile) und umgekehrt, ihr Vater wünscht die Verbindung nicht – rauschen vorbei, man muss sich ein wenig sortieren, aber dann entwickelt das Ganze einen vergnüglichen Sog. Des Ritters Rosinante ist eine große Attraktion: Das Pferd (darunter stecken zwei Herren in weiten Hosen) muss von Sancho vorwärtsgezogen werden, tritt nach Belieben aus und spielt mit dem eingebildeten Freier Gamache (Liam Blair) Torero. Auch darin bleibt Cauwenbergh an den großen Vorlagen dran: Unsere Heldin soll außerhalb ihrer Neigung heiraten. Aber Gamache ist schon an seinen goldgestreiften Höschen als vom anderen Ufer kommend erkenntlich.

Der zweite Akt spielt in einer sehr ansehnlichen Wüstenlandschaft mit Lagerfeuer. Unsere auf der Flucht befindlichen Helden tauchen auf, wechseln sich ab. Zigeuner tanzen (Handlungsballette sind nicht politisch korrekt). Der Don erscheint und nimmt den Kampf mit virtuellen Windmühlen auf (die hübsch skurrilen Videoprojektionen besorgte Lieve Vanderschaeve). Die Windmühlen gewinnen. Während er ohnmächtig ist, erscheint ihm wieder seine Dulcinea.

Der Höhepunkt ist Cauwenberghs dritter Akt. Hier präsentieren seine Solisten ihr Können: der lange, schmale Aidos Zakan als Basile und die puppenhaft freche Yanelis Rodriguez als Kitri mit ihren flinken Pirouetten und, als virtuoses Schmankerl, in der Coda des Hochzeits-Pas de Deux die fouettés mit wechselnden Perspektiven. Als zwei junge Mädchen zeigen Yusleimy Herrera Leon und Yurie Matsuura ihre Virtuosität. Armen Hakobyan als Torero Espada und Mariya Tyurina als seine Mercedes bieten als zweites Solopaar dunkle spanische Großartigkeit. Auch das Ensemble trumpft mit vielen gesprungenen Doppeltouren auf. Ein kurzweilig anzusehender, hübsch ausgestatteter und mit viel technischem Aufwand getanzter Ballettabend mit Comedy-Elementen, die eher auf der konventionellen Seite bleiben.

Edda Breski

10., 12., 19., 23., 25., 27. 11.; 3., 21. 12., 13., 22., 29. 1., 11. 2., 4.5.; 2. 6.; Tel. 0201/ 81 22 201

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare