Bartok musiziert und getanzt im Konzerthaus

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Getanzt wurde zwischen den Orchestermusikern: Szene aus dem Ballett „Der holzgeschnitzte Prinz“ beim Gastspiel des Budapest Festival Orchestra in Dortmund.

DORTMUND - Das Ruhrgebiet gibt eine große Bühne für Crossover-Projekte ab: Musik in Zechen, Gesang in Schächten, Tanz in alten Stahlwerken. Das ist aber auch eine Hypothek, denn wenn sich zwei Künste auf der Bühne treffen, was ja gern gemacht wird, um Bekanntes (vermeintlich) neu zu präsentieren, gibt es im Ruhrgebiet eine ganze Reihe Vorbilder, an der sich das aktuelle Projekt messen lassen muss.

Im Konzerthaus Dortmund trafen sich Tanz und Orchestermusik. Ivan Fischer dirigierte das renommierte Budapest Festival Orchestra mit Bartok-Stücken. Die „Wunderbare-Mandarin“-Suite und der „Holzgeschnitzte Prinz“ wurden getanzt von der ungarischen Krisztian-Gergye-Company.

Dafür wurde eine Art quergelegter Laufsteg in Louboutinrot auf die Bühne gebastelt. Die Geigen saßen davor, der Rest dahinter. Bildschirme verschafften dem Orchester den notwendigen Blick auf den Dirigenten. Mit dem sperrigen Bühnenaufbau kamen Tänzer und Musiker ausgezeichnet zurecht, auch wenn einem um die Geigerköpfe angst werden konnte bei den Doppeltouren und Hebefiguren auf der Bühne/Laufsteg.

Das Konzerthaus Dortmund ist nun ein Saal für so genannte „ernste“ Musik, da stellt sich wenig Reibung ein. Der Choreograf Krisztian Gergye tat auch nicht viel dafür. Er stellte einfach den Laufsteg ins Orchester und ließ seine Tänzer die Geschichte vom „wunderbaren Mandarin“ nacherzählen, in einer flüssigen, erwartbaren Mischung aus klassischen Figuren und Modern Dance.

Es ist eine grausame Geschichte. Ein Mädchen wird von drei Zuhältern dazu missbraucht, Freier anzulocken, die das Trio niederschlägt und ausraubt. Bis der Mandarin kommt, ein Fremder, der sich zu dem Mädchen so hingezogen fühlt, dass er die Mordversuche der Zuhälter übersteht und erst zum Schluss in ihren Armen verblutet. Mehr erzählte Gergye nicht. Bartok hat zwar den „Mandarin“ als Pantomime geplant, aber dass auf dem Laufsteg/Bühne auch nicht viel mehr zu sehen war, minimierte das ganze Stück. Es gelangte nicht über sich selbst hinaus. Es erzählte nichts, was nicht im Grunde in der Inhaltsangabe stünde. Die Frauen waren wie eine Illustration zu Margaret Atwoods „Geschichte einer Dienerin“: Sie kamen mit verhüllten Köpfen und blieben vor dem Orchester stehen. Die Tänzer auf dem Steg wurden in tiefrotes oder in blaues Licht getaucht, das sie wie virtuelle Figuren wirken ließ und noch mehr Distanz erzeugte. Oft blieb ihnen nur das Hin- und Herlaufen, mangels Platz. Das Mädchen, durch Unterdrückung zum Kind geworden, lutschte Daumen und blieb passiv bis zum Ende. Der Mandarin bewegte sich wie ein indischer Tempeltänzer, ein offensichtlich Fremder, aber weil sich alle anderen eckig wie Marionetten bewegten, kam der Effekt nicht recht zum Tragen. So wie Fischers sensible, in tiefem Verständnis verankerte Ausdeutung der Musik.

Besser funktionierte das Märchen vom „holzgeschnitzten Prinzen“, weil Gergye es in naiven, stilisierten Bildern erzählte und mehr überzeugende Gruppenformationen auf den Steg brachte. Fischer ließ die Märchen-Musik wunderhaft aufrauschen, arbeitete Reibungen heraus und behielt einen hinreißenden Erzählfluss bei. Eigentlich hätte die Musik hier den Tanz nicht nötig gehabt. Schade. Künste in kreativer Reibung sind immer ein Vergnügen. Hier blieb es bei Bebilderung.

Quelle: wa.de

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