Wie das Bauhaus nach Amerika kam, zeigt die Kunsthalle Bielefeld: „Partners in Design“

+
Für jeden Alltagsgegenstand, wie die Obstpresse mit Holzstößel, ist eine Vitrine mit Spotlight vorgesehen. Die Kunsthalle Bielefeld erinnert an die Ausstellung „Machine Art“ von 1934 im New Yorker Museum of Modern Art. Damals war Architekt Philip Johnson noch Kurator.

BIELEFELD Es ist eine Reise ins New York der 30er Jahre, die in Bielefeld unternommen wird. Die zweite Etage der Kunsthalle ist abgedunkelt. Sockelstelen sind in Reihen gesetzt. Auf einer ist eine Obstpresse unter Glas zu finden, die wie ein gelöcherter Trichter aussieht – mit Holzstößel. Darüber ein Spotlight. Daneben ist die gleiche Präsentation für eine runde flache Kuchenform aus Aluminium zu sehen, ein Schiffpropeller, eine Kaffeekanne, ein Laborglas, ein Pendelkugellager, ein Greifzirkel... Es sind insgesamt 34 Alltagsgegenstände aus der Ausstellung „Machine Art“, die im Museum of Modern Art (MoMA) 1934 die Geschichte des Design beeinflussten, auch weil die Ausstellung an andere Orte wanderte. Kurator der Schau in New York war Philip Johnson, der Architekt der Bielefelder Kunsthalle. Die Ausstellung in Bielefeld dokumentiert, wie Johnson mit dem Gründer des MoMA, Alfred H. Barr Jr., die Prinzipien des Bauhauses aus Deutschland als Ordnungs- und Ästhetikprogramm für das erste Museum für Moderne Kunst übernahmen.

„Partners in Design. Alfred H. Barr Jr. und Philip Johnson. Bauhaus-Pioniere in Amerika“ ist ein kulturhistorisches Highlight für Bauhaus-Fans und Kunstinteressierte, die Gestaltungsfragen stellen. Barr (1902–1981) und Johnson (1906–2005) trafen sich bereits 1929 am Wellesley College bei Boston. Der 27-jährige Kunsthistoriker vereinbarte mit dem 23-jährigen Studenten der Philosophie, gemeinsam die Moderne in den USA bekannt zu machen. Barr hatte 1927 das Bauhaus in Dessau besucht und war begeistert, dass Design und Architektur neben Malerei gleich behandelt wurden. Ihm gefiel, dass gestaltete Möbel und Gebrauchsgegenstände funktional motiviert und der neuen Architektur verpflichtet waren. Das Kunstgewerbe um das Jahr 1900 mit floralen Formen und verspielten Linien hatte mit Baukunst wenig zu tun.

Philip Johnson sollte der erste Direktor für Architektur am MoMA werden. „Nützlichkeit und Einfachheit“ waren für ihn die zwei Grundlagen des modernen Stils. Erst von 1940-43 studierte Johnson selbst Architektur in Harvard. 1946 ging er wieder ans MoMA bis 1954. Dann eröffnete er sein eigenes Architekturbüro.

„Zweifelsohne hat es nicht nur den Plan für unser Museum beeinflusst, ... sondern auch eine Reihe von Ausstellungen“, sagte Alfred H. Barr Jr. zum Bauhaus. Er reiste immer wieder nach Europa, nach Dessau, Berlin, Stuttgart, Paris, Rotterdam, um Beispiele der Moderne zu sehen – auch mit Johnson zusammen. Bevor Ausstellungen wie „Modern Architecture“ (1932) und „Machine Art“ am MoMA realisiert wurden, erprobte Johnson in seinem Apartment modernes Wohnen („Show-Wohnung“). 1930 erhielt der Bauhausleiter Ludwig Mies van der Rohe den Auftrag, Johnsons Wohnung im Southgate-Komplex 424 East 52nd Street einzurichten. In Bielefeld führt ein Bild-Loop durch die Räume. Aus vier Fotos, Notizen, van der Rohes Plänen und Briefen ist eine Art 3D-Video entstanden. Außerdem ist Mies van der Rohes Sessel von der Weltausstellung 1929 in Barcelona zu sehen, der Teetisch von Lilly Reich (1930) und ein Stahlrohrsessel von Johnson/Claus (1932) aus der Zeit.

Nachdem das Bauhaus Berlin von den Nationalsozialisten 1932 geschlossen worden war, emigrierten die Lehrer der Schule für Gestaltung. Anni Albers – einige Siebdrucke von ihr sind ausgestellt – bekam 1933 zwei Visa für sich und ihren Mann Josef von Marga Barr, die sich für deutsche Künstler einsetzte. Mies van der Rohe kam 1936.

Für das Präsentationsdesign in Bielefeld ist die Architektin Giulia Foscari verantwortlich. In den Kabinetten rekonstruierte sie Ausstellungen, die in den 30/40er Jahren modernes Design in den USA förderten. Von „Useful Objects“ 1938 am MoMA ist die Pyrex „Flameware“ Kaffeekanne aus Borosilikatglas und Edelstahl (1930-40) zu sehen. Der Chemex-Kaffeekocher von Peter Schlumbohm, um 1939, besteht aus Glas, Holz und Leder. Plastik dominierte noch nicht den Warenmarkt.

Das Detroit Institute of Art wurde vom MoMA bei „Der Ausstellung für modernes Leben“ 1949 unterstützt. Es war die ambitionierteste Schau ihrer Zeit mit 3000 Alltagsobjekten. Eva Zeisels Teegedeck (1945) aus glasiertem Steinzeug ist zu sehen, eine Tischleuchte von Isamu Noguchi (1945) aus Kirschholz und Fiberglas, das „ESU“-Regal von Charles Eames (1949) aus Stahl, Birke, Plastik und Hartfaserplatte. Und ein Stuhl, der Terrassen und Balkone noch in den 60er Jahren dominierte: André Duprés Modell 130 aus verchromtem Stahlrohr und Plastikbändern (1948). Zusammengetragen hat die herrlichen Dinge das Stewart Program for Modern Design und das Montreal Museum of Fine Arts. Nach Bielefeld geht die Ausstellung noch in die Grey Art Gallery in New York.

Modernes Design ging in die Welt und veränderte sich. Das Walter Art Center in Minneapolis zeigte bis 1954 in Schaureihen neue Materialien wie den bedruckten Baumwollstoff (1945) von Angelo Testa oder den Schichtholztisch von Alvar Aalto.

Dass die Initiative von Barr und Johnson Erfolg hatte, zeigt die Geschichte eines Elektrogeräts. Der „Toastmaster“ (1D2) war 1934 aus herkömmlichen Produkten fürs MoMA ausgewählt worden. Seine eckige Form aus verchromtem Stahl kam dem Bauhaus-Ideal sehr nahe. Der Designer ist unbekannt. Aber 1D2 ist noch heute im Handel – wer kennt ihn nicht?

Die Schau

Ein Muss für Bauhaus-Fans und Freunde der Gestaltung. Design-Geschichte pur. Sehenswert!

Partners in Design. Alfred H. Barr Jr., Philip Johnson. Bauhaus-Pioniere in Amerika

in der Kunsthalle Bielefeld.

Bis 23.7.; di-so 11 – 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr;

Tel. 0521/ 32 999 500;

www.kunsthalle-

bielefeld.de

Katalog 34,90 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare