Das Bauhaus wird in der Miniserie „Die neue Zeit“ lebendig

Rivalen am Bauhaus: Johannes Itten (Sven Schelker, Mitte links) und Walter Gropius (August Diehl, rechts) im Flur der Bauhaus-Uni in Weimar. Szene aus der zweiten Folge der Serie „Die neue Zeit“. Foto: ZDF/Zero One Film/Constanin/Nadcon/Neugebauer

Was war mit Dörte Helm? Die Journalistin lässt nicht locker, als sie Walter Gropius fragt. Der Architekt ist 80 Jahre alt. Er hat das Pan-Am-Gebäude in New York gebaut und ist Anfang der 60er Jahre einer der wichtigsten Baumeister weltweit – seit 1944 auch US-Staatsbürger. Doch für das Magazin Vanity Fair ist wichtiger, ob Studentinnen am Bauhaus in Weimar unterdrückt wurden? War das Versprechen auf Gleichberechtigung 1919 nur eine Farce?

Spannungsreich beginnt die Arte/ZDF-Miniserie „Die neue Zeit“. In sechs Teilen wird die Schule der Gestaltung in Weimar für eine fiktionale Produktion ausgesprochen sachkundig ins Bild gerückt. Das Interview mit Bauhaus-Gründer Gropius setzt einen ersten Zeit- und Reflexionsrahmen. Aus dem Rückblick entwickelt Regisseur Lars Kraume, Spezialist für historische Stoffe („Der Staat gegen Fritz Bauer“), eine fesselnde Vergegenwärtigung zur Kunst am Bauhaus, zur Weimarer Republik und vor allem zu Dörte Helm und Gropius selbst. Dabei ist die Studentin, die unter Kunsthistorikern als Rebellin der Schule gilt, der Mittelpunkt der Serie, ohne allerdings die Erzählperspektive zu dominieren. Kraume relativiert die Spielszenen, wenn sich Gropius im Interview erinnert („Frauen sind nicht unterdrückt worden“) und manipuliert. Immer fragt „Die neue Zeit“ danach, wie aufrichtig sind die Figuren, wer dominiert wen, und was macht das Bauhaus als Schule der Moderne aus?

Diesem Anspruch wird die Arte/ZDF-Produktion auf erstaunliche Weise gerecht. In den ersten beiden Teilen („Nach dem Krieg“, „Der Prinz von Theben“) öffnet Regisseur Kraume die Konfliktzonen. Dörte Helm trifft Gunta Stölzl, die am Bauhaus studieren will. Dabei sind Lust und Mut, etwas Neues in der Kunst zu wagen und sich als Mensch zu entdecken, vehement greifbar, weil Valerie Pachner die Gunta Stölzl so druckvoll spielt. Später wird sie als Weberin großen Erfolg haben. Die Hauptfiguren der Serie hat es so gegeben. Ihre Gefühle sind Unterhaltung.

Dörte Helm, bürgerliche Professorentochter, lockt die Herausforderung. Wie Anna Maria Mühe diese Figur dann vom braven Mädchen über eine neugierige Studentin zur emanzipierten Frau und freien Künstlerin ausstellt, das ist einfach großartig. Neben Mühes Spielvermögen helfen präzise Dialoge (Drehbuch Lars Kaume, Judith Angerbauer, Lena Kiessler). Selbst ein Schlagabtausch mit dem Vater (Hans Zischler) über den Philosophen Aristoteles ist erhellend und ergänzt das Streitpotenzial der Weimarer Republik: Rechtsnationale attackieren die neue Schule – Corinna Kirchoff intrigiert als bornierte Baronesse und Sebastian Blomberg hält als moderater Minister in Thüringen dagegen; Kommunisten nutzen 1920 den Kapp-Putsch – Ronald Zehrfeld greift als kraftvoller Gewerkschaftler ein; der Kulturkampf Metropole gegen Provinz wird auf Gropius und Alma Mahler zentriert – Birgit Minichmayr gibt die Direktoren-Gattin als schnauzende Furie, die sich in Wien mit Werfel vergnügt und die „erzkonservative Pifkestadt“ nur kurzzeitig besucht.

August Diehl spielt einen Direktor, der sich gegen Widerstände stemmt, Wertediskussionen führt, Geld beschafft und eine Uni managt. Oft erschöpft, genervt und überfordert, erfüllt er die Herkules-Aufgabe, den Zeitenwandel zu erkennen. Seine Begegnung mit Dörte Helm gibt der Miniserie den dramaturgischen Stoff, der alle sechs Folgen verbindet: die Liebe. Oder war es nur ein Kuss, wie Gropius im Interview behauptet?

Und wie wird die Kunst vermittelt? Im Bauhaus stellt Johannes Itten seine scharfen Vorstudien an. Der Esoteriker und Guru fordert Dörte schmerzvoll heraus. Nicht was das Licht bescheint, soll sie malen, sondern das Wesen der Dinge zeigen. Die Aktmodelle treibt er durch den Oberlichtsaal. Selbstreinigung, Rauscherfahrungen, Geniekult folgen.

Bauhaus ist mehr als Breuers Sessel und Wagenfelds Lampe. Im Mittelpunkt steht der Mensch, sagt Johannes Itten. Der Funktionalismus sei die Lehre der Moderne, kontert Gropius später. Und das Mantra „form follows function“ trägt Theo van Doesburg an die Schule, wo Architekt Gropius um seine Autorität kämpfen muss. Die Dynamik am Bauhaus ist immens; Zukunft, politischer Druck, der neue Mensch, vieles lässt sich tatsächlich spüren in „Die neue Zeit“ – ein Ausflug in eine aufregende Zeit.

Visuelle Kunstgriffe (Kamera: Jens Harant) sind Fotostrecken in Schwarzweiß, Filmstreifen in Super-8- und Kintopp-Optik. Die Bauhaus-Universität bietet authentische Locations. Szenenbild (Olaf Schiefner) und Kostüme (Ester Walz) sind präzise an Vorbildern (Schlemmers Figurinnen) gearbeitet. Das Bauhaus lebt hier, auch in seinen Maskenfesten. Die Musik (Christoph M. Kaiser, Julian Maas) klingt ein bisschen nach „Babylon, Berlin“. Arte und ZDF schielen auf den internationalen Markt. Es könnte eine zweite Staffel geben.

In Folge 5 und 6 wird die Frage nach Liebe zwischen Helm und Gropius, der sich wieder verlobt hat, zum tragischen Psychokrimi.

Am Ende gibt ein Bild in Gropius’ Meisterhaus Auskunft. Es ist nicht kitschig, weil es ein Bauhaus-Bild ist – aber anrührend.

Arte, ab 20.15 Uhr drei Folgen, 12. 9. Folgen 4 bis 6.;

ZDF, 15. bis 17. 9. ab 22.15 Uhr jeweils zwei Folgen; ab 8. 9. in der Mediathek

Quelle: wa.de

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