Der belgische Maler Rik Wouters in einer Retrospektive in Brüssel

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Spiel mit Licht und Farbe: Rik Wouters‘ Gemälde „Bügeln“ (1912) ist in Brüssel zu sehen.

BRÜSSEL - Es wirkt so zufällig dahingestrichelt. Hier ein Klecks Orange, da eine Linie Rosa, ein bisschen Weiß hingewischt. Und doch erkennt jeder Betrachter in Rik Wouters’ Gemälde „Bügeln“ (1912) sofort das lichtdurchflutete häusliche Idyll der Hausfrau, die aufblickt von ihrer Arbeit, zu ihrem geliebten Mann.

International ist Rik Wouters (1882-1916) keine bekannte Größe. Aber der Tischlersohn aus Mechelen gehört zu den bedeutendsten Malern der klassischen Moderne in Belgien, ein Mann des Übergangs vom Impressionismus zum Expressionismus, dessen Werk nun eine Retrospektive in den Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel glanzvoll vorstellt. Die opulente Ausstellung mit rund 200 Werken ist eine Kooperation mit dem Königlichen Museum für schöne Künste in Antwerpen, das mehr als 100 Werke von Wouters besitzt, davon 26 Gemälde und 19 Skulpturen.

Es ist erstaunlich, wie produktiv der Künstler in seinem allzu kurzen Leben war. Er war an Kieferhöhlenkrebs erkrankt. Bei einer Operation kurz vor seinem Tod verlor er ein Auge und Teile des Kiefers, und doch malte er weiter, 1915 das ikonische Selbstporträt mit schwarzer Augenklappe. Rund 200 Gemälde schuf er, dazu Skulpturen, Zeichnungen, Radierungen. Schon in jungen Jahren arbeitete er in der Werkstatt seines Vaters, schuf Verzierungen für Möbel. Später studierte er Bildhauerei zunächst in Mechelen, später an der Akademie in Brüssel.

1904 traf Wouters die Liebe seines Lebens, Hélène Duerinckx, genannt Nel, 16 Jahre alt, die Künstlern Modell saß. Ein Jahr später heirateten sie, und lange Jahre lebten sie das geradezu klischeehafte Leben des armen Künstlers. Nel ist auf den meisten Gemälden zu sehen, auch die Büglerin ist sie. Sie war eben verfügbar, und in vielen Bildern spürt man auch die große Zuneigung des Künstlers. Aber, das betonen die Ausstellungsmacher, Wouters schuf nicht einfach „gemalte Liebeserklärungen“ an seine Frau.

Es fasziniert, wie Wouters die Kunst Paul Cézannes fortschreibt. Mit dem großen Franzosen verbindet ihn das Fragmentarische seiner Malerei. Viele Leinwände wirken unvollendet, weil ganze Partien frei bleiben. Die Farbe gewinnt Eigenleben bei Wouters. Wenn man Ausschnitte betrachtet, sieht man nichts als lose Pinselstriche, scheinbar willkürlich gesetzt, vielleicht Ausdruck einer flüchtigen Stimmung. Und doch fügen sich diese so abstrakten Momente zu plastischen, lebendigen Bildern zusammen. Natürlich beerbt Wouters die Pointillisten, aber anders als sie baut er seine Bilder frei auf, ohne die systematische Strenge. Und welche Suggestion strahlen diese Meisterwerke aus, „Reflections“ (1912) zum Beispiel zeigt Nel an einem Sommertag im Freien, unter einem Baum, und das Spiel von schmalen Lichtstreifen und Schatten vermittelt die Stimmung des Augenblicks. Dass er die Lokalfarben verfremdet, wie die Fauves oder die Expressionisten, wirkt hier völlig natürlich. Der Betrachter nimmt den grünstichigen Teint Nels einfach hin. Und wie spontan wirkt die „Dame in blau vor einem Spiegel“ (1914), wo die rechte untere Ecke praktisch unbemalt bleibt. Aber die Spiegelung zeigt er als Wiederholung, er bringt den Raum ins Schwingen, fast wie ein Futurist.

Wouters erweist sich in der Schau als Meister der Inszenierung. Im Bild „Die roten Vorhänge“ (1913) zeigt er Nel in einem rot-weiß gestreiften Kleid zwischen zwei schweren Vorhängen, deren Musterung er nur mit grünen Strichen andeutet. Immer wieder arbeitet er mit solchen Durchblicken, „Herbst“ (1913) zeigt Nel durch ein Fenster vor einer rot-gelb eingefärbten Szenerie aus Feldern und Häusern.

Lange lebten Wouters und Nel in dramatischer Armut, zwischenzeitlich zog das Paar sogar zu seinen Eltern. Das änderte sich, als Wouters den Galeristen Georges Giroux kennenlernte. 1912 schlossen sie einen Vertrag, der Wouters ein festes Einkommen garantierte. Langsam stellte sich Erfolg ein, er hatte Ausstellungen, gewann sogar den Picard-Preis, und er reiste erlebnishungrig durch Europa, nach Paris, aber auch nach Köln, wo ihn die Alten Meister zu Skizzen inspirierten.

Wouters war auch ein innovativer Bildhauer, der höchst lebendige Porträts schuf. Selbst James Ensor, die Vaterfigur der belgischen Kunst, saß ihm 1913 Modell. Und die „Verrückte Jungfrau“ (1912), ein lebensgroßer Frauenakt in einem ekstatischen Tanzschritt, nur auf dem linken Bein stehend, ist ein Klassiker der belgischen Kunst.

Ein Hochgenuss ist auch das Werk auf Papier: Wouters war ein sicherer Zeichner, der mit wenigen Tuschlinien menschliche Figuren festhalten konnte. Aber er schuf auch ausgearbeitete Blätter von suggestivem Realismus wie die „Nackte im Korbstuhl“ (1912).

1914 wurde Wouters zum Militär eingezogen. Da begann er sich über Kopfschmerzen zu beschweren. Als seine Truppeneinheit die Grenze zu den neutralen Niederlanden überschritt, wurde er interniert. Er erhielt durch Fürsprache von einflussreichen Freunden Freigang, konnte wieder malen. Doch da musste er schon regelmäßig ins Hospital in Utrecht.

Was bleiben, sind die lichterfüllten, heiteren Bilder eines Mannes, den die Kuratoren einen „wohltemperierten Avantgardisten“ nennen.

Bis 2.7., di – fr 10 – 17, sa, so bis 18 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 508 32 11, www.fine-arts-museum.be, Katalog (engl., nl., frz.) 39 Euro

Quelle: wa.de

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