Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und Patricia Kopatchinskaja in Dortmund

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Simon Rattle und Patricia Kopatchinskaja im Konzerthaus Dortmund.

Dortmund - Im dritten Satz von Mahlers Vierter strömt er im Konzerthaus Dortmund: dieser samtene, warme, feste Ton der Streicher, homogen und poliert an der Oberfläche, perfekt ausbalanciert und dennoch unter Spannung vibrierend. „Ruhevoll“ wollte Gustav Mahler diesen Satz verstanden wissen, und Simon Rattle lässt die Musik hier entspannt atmen.

Die Berliner Philharmoniker spielen am zweiten Abend ihrer Ruhrresidenz am Freitag ihre ergreifende Klangkunst aus; am Samstag und am Sonntag folgten noch Konzerte in der Philharmonie Essen.

Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4 G-Dur (1900) war als Höhepunkt des Abends programmiert. Rattle lässt hier den besonderen Ton des Orchesters aufglühen und die solistische Extraklasse seiner Musiker strahlen, etwa im zweiten Satz die von Konzertmeister Daniel Stabrawa. Rattles Zugriff auf das knapp einstündige Werk folgt den entschleunigenden Anweisungen des Komponisten („Bedächtig“, „ohne Hast“, „Ruhevoll“) und nimmt dräuende Akzente eher zurück. Im ersten Satz beeindrucken die kraftvollen Streichergesten, der zweite wird von fahlen Blecheinwürfen angeritzt. Im dritten Satz ist diese unnachahmliche wohlige Sanftmut des Streicherapparats zu erleben.

Ähnlich stimmschön singt dann die Sopranistin Camilla Tilling die Vertonung des Gedichts „Wir genießen die himmlichen Freuden“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ im vierten Satz. Die unheimliche Vision eines Paradieses voller kindlicher Freuden und blutiger Grausamkeiten deutet Tilling mit distanzierter Präzision aus, so dass der Kontrast zu den scharfen Orchesterzwischenspielen plastischer kaum sein kann.

Dennoch hat vor der Pause Patricia Kopatchinskaja als Solistin in György Ligetis Konzert für Violine und Orchester (1992) das Publikum noch viel stärker zu elektrisieren vermocht. Es lässt auch das zuvor erklungene „Gruß-Moment 2“ von Wolfgang Rihm schnell verblassen (2016), das dem Andenken Pierre Boulez’ gewidmet ist. Eine knapp zehnminütige Totenklage, zu der das Englischhorn (Daniel Wollenweber) vielsagend anhebt, in der harte Harfenschläge eine dramatische Steigerung einleiten und die in pochenden Paukenschlägen ausklingt.

Kopatchinskaja kommt barfuß und in einem kunstvoll zerfledderten Frack auf die Bühne. Ein Kostüm mit Ansage: ganz direkt will Kopatchinskaja Ligetis Musik verständlich machen, spielerisch, kindlich, manchmal koboldhaft. Sie beugt und dreht sich, rückt den Orchestermusikern auf die Pelle, duelliert sich beinahe Stirn an Stirn mit einem der Streicher und schlägt den Takt mit den Zehen.

Ihr Ton liegt zu Beginn ein wenig abgehoben über dem Flirren des Orchesters. Feinste Differenzen in der Stimmung einer Geige und einer Bratsche verbreitern diesen Hintergrund zu sphärisch schimmernden Klangflächen. Das hat etwas von einem Schöpfungsprozess – und speist sich aus dem mikrotonalen Nebeneinander von Naturton- und temperierter Stimmung.

Ligetis Violinkonzert ist von großer Anschaulichkeit, Kommunikation und Komik. Es wird bei Kopatchinskaja und Rattle zu einer Erkundung klanglicher Möglichkeiten und zu einem einladenden niederschwelligen Angebot. Im zweiten Satz klingt in rauer Strichführung ein Liedmotiv an, in dem Renaissancemotive nachhallen. Dem liefern die vier Okarinas eine schrille Entgegnung, auf das die Geige wiederum mit Pizzicati reagiert – vor der Reprise. Danach ist ein Verdrängungsprozess zu verfolgen: Die Kantilene der Sologeige werden immer heftiger bedrängt vom Crescendo des Orchesters – bis der Vielklang mit einer barschen Bewegung Rattles schockgefrostet wird. Der vierte Satz setzt bei diesem Schlussbild wieder an, formt das Panorama einer winterstillen Landschaft im Querformat (Passacaglia).

Der fünfte Satz mündet in eine Solokadenz, in der sich Kopatchinskaja zwar kalkuliert, aber dennoch mitreißend austobt. Sie singt, wirbelt, treibt virtuoseste Faxen auf dem Geigenhals. Rattle überlässt ihr das Podium und geht vorne links ab, kommt später hinten links wieder herein, sucht sich einen Sitzplatz zwischen den Schlagwerkern und ordnet mit knappen Bewegungen letzte Knalleffekte an.

Das Publikum ist hingerissen, auch die 24 Philharmoniker auf der Bühne applaudieren.

Quelle: wa.de

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