Bielefeld zeigt Werke von Thomas Kiesewetter und Ulrich Rückriem

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Thomas Kiesewetter mit seiner Skulptur „Umgreifen“ aus verschiedenen Materialien (2017) in der Bielefelder Kunsthalle.

BIELEFELD - Sie stemmen sich dynamisch, grell, leicht und irgendwie verrückt in die Bielefelder Kunsthalle. Die Skulpturen von Thomas Kiesewetter, die so eigensinnig dastehen und hochgereckt sind, dass man kurz überlegen muss, ob hier vielleicht die Überreste eines Freizeitparks verwertet wurden oder Zivilisationsmüll wieder laufen lernt?

Der Berliner Künstler kann solche Ideen nicht ausschließen, aber er kann sie ein wenig einfangen, in dem er den Skulpturen Titel gibt. „Atmosfera di una testa“ wirkt wie eine Gedankenbewegung in Gelb (oder ein verspielter Lüftungsschacht). Der Bildhauer Arturo Martini gab einer seiner Plastiken diesen Namen. Und der Titel „Umgekehrte Transzendenz“ für die Skulptur in Grün fängt auch die Assoziation „Auftritt der Future-Figuren“ ein. Das ist reizvoll.

Es sind letztlich sehr gestalterische und persönliche Momente, die der Berliner Künstler bei der Arbeit mit dem dreidimensionalen Material entwickelt und dann ausformt. Die Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle „Thomas Kiesewetter Bildhauer“ thematisiert dieses prozesshafte Arbeiten. Außerdem wird parallel dazu eine Sammlung ausgestellt. „Ulrich Rückriem. Multiples 1969 bis heute“ zielt auf die Sammlung Rainer Jacobs, der tatsächlich von allen Multiples des Künstlers mindestens eine Ausführung besitzt. Nun ist die Schenkung Jacobs in der Kunsthalle zu sehen. Bereits 1979 war eine Einzelausstellung Rückriems hier realisiert worden. Seit 1978 steht „Dolomit gespalten“ (1977) im Skulpturenpark des Instituts. Jacobs nennt Bielefeld den perfekten Ort für seine einzigartige Sammlung.

Mit den Ausstellungen zeigt Museumsdirektor Friedrich Meschede grundsätzliche Bildhauerpositionen. Thomas Kiesewetter ist ein Bilderfinder, der mit positiven wie negativen Formen voluminöse Gestaltungen in die Welt setzt. Über Modelle aus Papier und Karton kommt Kiesewetter, der zuerst Malerei bei Raimund Girke (1988-95) in Berlin studiert hatte, zu Kunststoff oder Holz. Es folgen Ausführungen in Metallblechen und farbig gefassten Bronzen. In Bielefeld überrascht die Größe der fünf Skulpturen aus Bauholz, die so eindrücklich auch als Gruppe funktionieren. Kiesewetter kam mit einigen Modulen ins Haus und hat vierzehn Tage vor Ort gearbeitet und experimentiert. Der menschliche Körper spiele für ihn immer eine Rolle, sagt Kieswetter. In Bielefeld vermittelt der Künstler, der seit 1999 dreidimensional arbeitet, dass es etwas Notwendiges sein muss, in Zeiten der „Internetisierung“ eine Skulptur zu bauen. Seine Freude, dem Material zügig beizukommen, ist spürbar. Im „Studio“ sind seine Skizzenblätter und Pappen zu sehen, außerdem kleine Arbeiten, die mit Drähten stabilisiert sind.

Acht farbige Skulpturen aus Metall sind in einem Kabinett gereiht und wirken in ihrer plastischen Behauptung herrlich autonom. Eine Arbeit erinnert an die Miniausgabe eines gealterten Turmgerüsts, dem blaue runde Vorkommnisse gewachsen sind.

Kiesewetters Erfindungen erstaunen auch, weil sie an Bekanntes erinnern, wie die Skulptur „Kurvige Bahnen“ (2000), die in glänzendem Blau ausgeführt ist und an altes Metallspielzeug denken lässt. Illusionistisch kommt sogar eine jüngere Arbeit daher. „U“ (2016) bringt Materialien der Arte povera zusammen. Mullbinden und Seil sind gewickelt, Blech ist mit Styropor ausgefüllt, Schaumstoff genauso verbaut wie massiver Aluminiumguss. Ganz in Türkis gehalten ist „U“ ein Trompe-l’œil, das seine vielschichtige Materialität zu verbergen scheint.

Kiesewetter schafft bei seiner Bildfindung oft eine Schwere durch Hohlräume und baut Gewichte ganz klassisch auf. Auch folgt er dem Verhältnis Spiel- und Standbein. Eine Vorder- oder Rückseite gibt es nicht, und wenn einige Teilformen „comichaft“ erscheinen, so sei das kein Thema von ihm, sondern im Augenblick des Gestaltens so gekommen, sagt Thomas Kiesewetter.

Ulrich Rückriem, 1938 in Düsseldorf geboren, geht da kalkulierter vor. Er hat die Teilung eines Materials zum künstlerischen Konzept erhoben. Das war 1968, und in Bielefeld ist das Gerry-Schum-Video „Teilungen“ (1971) zu sehen, das Rückriem dabei zeigt, wie er Holzleisten bricht und zueinander legt. Dies faszinierte Rainer Jacobs seinerzeit. Als er sich entschied, die Multiples Rückriems zu sammeln, hatte sich der Künstler (Holz, Eisen) noch nicht für das Material Stein entschieden.

In den 60er Jahren waren Multiples angesagt. Künstler ermöglichten so, dass weniger Betuchte an ihrem Werk teilhaben konnten. Mehr als 15 Ausführungen von diesen kleinteiligeren Objekten hat Rückriem nie geschaffen. Sie sollten nicht mit einer Auflagengrafik verwechselt werden.

In Bielefeld sind nun alle 60 Multiples Rückriems präsentiert, also eine Werksübersicht. Außerdem gehören grafische Mappenwerke zur Schenkung, die alle Variationen zu Kuben, Stelen, Scheiben, Wand- und Bodenreliefs beinhalten.

Neben Beispielen zu „Eisenstange, gestaucht“ sind vor allem die Multiples aus Stein beeindruckend. Die Edition „Dolomit 1977“ zeigt drei Beispiele für quer- und längsgespaltenen grünen Dolomit aus Anröchte. Weil der Steinmetz, der von Rückriem den Auftrag erhielt, mal mit einem Meißel und mal mit zwei Meißeln gearbeitet hat, variieren die Multiples. Der Spalt öffnet den Stein, und das strenge Bruchbild als Binnenkomposition ist vom ganzen Block gefasst. Das spätere Beispiel „Dolomit gespalten, gesägt“ hinterlässt runde Öffnungen, durch die ein Dübel von einer hydraulischen Presse getrieben wurde. Ab 1981 widmete sich Rückriem auch dem Schiefer, aber vor allem dem Granit aus Steinbrüchen ganz Europas.

Bis 22. Oktober; di-so 11 – 18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10 – 18 Uhr; Tel. 0521/32999500 www.kunsthalle-bielefeld.de

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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