Bildbiographie dokumentiert Lebensstationen von Arno Schmidt

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Hausbesitzer in Niedersachsen: Arno Schmidt im Garten seines Bargfelder Hauses.

Wie er den Schlauch auf die jungen Thujen richtet, den kleinen Finger der Linken abgespreizt, im weißen Oberhemd – Arno Schmidt sieht nicht wirklich aus wie ein erfahrener Hobbygärtner auf dem Foto, das wohl seine Frau im Mai 1961 aufnahm. Ein anderes Bild entstand beim Heumachen. Da arbeitet Schmidt im ärmellosen dunklen Unterhemd und in kurzer Hose und bemerkt offenbar Alice nicht.

Es erstaunt, wie viele Fotografien auch noch triviale Situationen aus dem Leben des großen Schriftstellers dokumentieren. Greifbar werden sie in der wunderbaren Bildbiographie, die Fanny Esterházy herausgegeben hat. Schmidt (1914–1979) nimmt immer noch nicht den ihm gebührenden Rang in der deutschen Nachkriegsliteratur ein. Einen „verhinderten Volksschriftsteller“ nannte ihn Helmut Heißenbüttel. Seine Romane und Erzählungen wie „Aus dem Leben eines Fauns“, „Seelandschaft mit Pocahontas“, „Das steinerne Herz“ hätten es mehr als andere, kanonisierte Texte verdient, Lehrstoff der gymnasialen Oberstufe zu sein. Stattdessen wird er mystifiziert, im Lichte des Spätwerks nach dem Großbuch „Zettel’s Traum“ als Sonderling aussortiert, mit dem man sich nicht weiter abgeben muss.

Immerhin gibt es die Arno Schmidt Stiftung in seinem letzten Wohnort Bargfeld (bei Celle), die dafür sorgt, dass das Werk in gründlichen Editionen vorliegt bis hin zu kleinen Erzählungen für Tageszeitungen, den Tagebüchern seiner Frau und sogar seinen Landschaftsfotografien. Schmidt hatte das eigene Leben gründlichst archiviert, selbst die Fernsehzeitungen mit angekreuzten Lieblingssendungen und Versandkataloge, Etiketten von Schnapsflaschen und Gasthausrechnungen („Gebäck + Getränke 7.15 beg. 19.4.53“) aufgehoben. Der in Hamburg-Hamm geborene Sohn eines Polizeibeamten ging mit dem eigenen Leben um, wie er es sich von seinen verstorbenen Kollegen gewünscht hätte, über die er anregende Rundfunk-Essays geschrieben hat. Er wollte am liebsten alles wissen. Er forderte sogar ein Gesetz, das Biografien für Dichter vorschreibt: „Nichts kann wichtiger sein, als das betreffende große ,Gehirntier’ – oft nachlässig gekleidet; manchmal längst jenseits von Wasser & Seife; auf seiner ständigen Wippe zwischen Betäubung und Erleuchtung – uns in allen Einzelheiten sichtbar zu machen“.

Der prachtvolle Band im Großformat soll diese Vorgabe nicht einlösen, meint Esterházy bescheiden. Aber er bietet doch reiches Material, das dem Fachmann manche Überraschung, dem Liebhaber aufklärenden Genuss verspricht. Geordnet nach den Wohnorten wird das Leben Schmidts nun sichtbar. Und damit sind weniger die wenigen äußeren Höhepunkte gemeint wie die Vergabe des Fontane-Preises 1964 (damals hielt Günter Grass die Laudatio, gut gemeint, aber recht ahnungslos) und des Goethepreises der Stadt Frankfurt 1973 (da blieb Schmidt zu Hause, wohl nicht nur aus gesundheitlichen Gründen).

Der Autor strebte persönlich nicht an die Öffentlichkeit. Um so verblüffender ist die Fülle der Bilder schon aus der Zeit, bevor sein erstes Buch „Leviathan“ erschien (1949). Fotos von der Arbeitsstelle in der Buchhaltung der Greiff-Werke in Greiffenberg, vom Schachspiel mit Alice. Manche Aufnahme, wie die (wohl mit Selbstauslöser gefertigte) des Paars auf einer Wiese lässt an moderne Selfies denken, aber in vordigitalen Zeiten waren diese Bilder längst nicht so beliebig und billig verfügbar wie heute. Später, als Soldat auf Heimurlaub, posiert er mit ihr und ihrem Bruder Werner Murawski, ganz in der Rolle des abgebrühten Kerls. Locker war er nie, immer sieht man, wie er Kontrolle sucht.

All die Aufnahmen aus den Flüchtlingswohnungen in Cordingen, Gau-Bickelheim, am Ende dem eigenen Häuschen in Bargfeld dokumentieren ein Dichterleben und machen in vieler Hinsicht das Werk ein wenig transparenter. Selbst die skurrilen Seiten eines allein und abseitig lebenden Paars sind erhellend. Die Katzen, die später immer dabei sind. Der Privatmythos der Sarotti-Mohren, Ausschnitte aus Schokoladenpackungen, die im Alltag des Paars eine dauerhafte Rolle spielten. Traurig kann diese Existenz schon stimmen, das Paar hungerte sich rechtschaffen durch die Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre, denn seine Bücher brachten kaum etwas ein. Der abgelehnte Antrag auf Hausratshilfe von 1950. Karten, die Schmidt von Schauplätzen seiner Bücher fertigte. Die Lithographie „Kinder mit Drachen“ von A. Paul Weber, die Schmidt in Hamburg sah und unbedingt haben wollte (am Ende schrieb er dem Künstler und erhielt das Blatt geschenkt) und dann in der Erzählung „Schwarze Spiegel“ literarisierte.

In kurzen Einleitungen zu jedem Abschnitt gibt Bernd Rauschenbach, Vorstand der Schmidt-Stiftung, angenehm sachlich den biografischen Hintergrund zu den jeweils folgenden Bildteilen. Natürlich gehört zu einer Lebensbeschreibung mehr, speziell bei Schmidt, der selbst über den Romantiker Friedrich de la Motte Fouqué einen fast 600 Seiten starken Text schrieb. Aber dieses ausnehmend schön gestaltete Buch bringt den Leser ein gutes Stück näher an einen noch zu entdeckenden Klassiker.

Fanny Esterházy (Hg.): Arno Schmidt. Eine Bildbiographie. Mit einführenden Texten von Bernd Rauschenbach. Suhrkamp Verlag, Berlin. 456 S., 68 Euro

Quelle: wa.de

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