Bochum zeigt die Stücke „Die unsichtbare Hand“ und „Am Boden“

+
Ein ortloser Raum in den Kammerspielen Bochum: Nick Bright (Heiko Raulin, von links) macht Geldgeschäfte und wird von Dar (Samuel Simon) und Bashir (Omar El-Saeidi) gefangen gehalten. Szene aus dem Stück „Die unsichtbare Hand“.

BOCHUM - Die Stimme seiner Frau fasst Nick auf eine Weise an, die ihm seine Ausweglosigkeit spürbar macht. Er sitzt irgendwo in den Bergen Pakistans, und sie bettelt um sein Leben. Es ist wie ein Schnitt ins Fleisch, als der Banker die Tonaufnahme hört, die ihm sein Entführer vorspielt. Nicks Sohn ist drei Jahre alt. Nick Bright wird von Heiko Raulin verkörpert, und er gibt der inneren Verletzung Ausdruck, fährt in dem Moment zusammen, als der Imam Saleem seine Macht demonstriert.

In den Kammerspielen des Schauspielhaus Bochum wird das Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in Erstaufführung gespielt, deutsch von Barbara Christ. Und wer glaubt, dass Intendant Anselm Weber ein psychologisches Duell inszeniert, dass das alte Spielchen zwischen Geisel und Erpresser variiert, der verkennt die Kulturfrage, um die es letztlich in Akhtars Arbeiten geht. Der Amerikaner – seine pakistanischen Eltern kamen in den 1960er Jahren nach New York – sucht nicht die Freiheit, nach der in westlicher Lesart alle Welt streben soll, sondern das Menschliche in dem Augenblick unserer Geschichte, der den Zivilisationsprozess stört.

Dar – Samuel Simon spielt den Aufseher angepasst und phlegmatisch – richtet eine Pistole auf Nick, der für die „moralischen Heuchler“ büßen muss, die der Imam in den USA ausgemacht hat. Zu viel Armut, zu viele Dicke dort und Rechtsanwälte; es gebe kein Vertrauen, konstatiert der Gottesmann und findet Verständnis in Bochum. Matthias Redlhammer zeigt einen gewieften Zyniker, der ruhig und machtorientiert verlangt, dass Nick zehn Millionen Dollar Lösegeld verdienen soll: „Ihr raubt uns seit 60 Jahren aus“. Weder die US-Regierung noch sein Stammhaus werden die Summe zahlen. Nick saß im falschen Auto, eigentlich sollte sein Chef entführt werden. Der Manager aus der zweiten Reihe ist nun allein.

Als Dar abdrückt, sackt Nick zusammen vor Schreck. Die Scheinhinrichtung zählt zu den Foltermethoden und versetzt auch Bashir in Angst, der zwar loyal zum Imam steht, aber Nicks Vermögen kennengelernt hat, am Aktienmarkt Geld zu generieren. „Die unsichtbare Hand“ ist nach dem Nationalökonom Adam Smith eine Bewegung am Markt, die letztlich von den Einzelinteressen gelenkt wird. Magie scheint im Spiel. Bashir hört davon und handelt mit Nicks Hilfe per Laptop. Er lernt, wie mit politischen Veränderungen Geld in Pakistan verdient wird.

Omar El-Saeidi zeigt den Islamisten aufmerksam, stolz und selbstbezogen. Bashir lässt den Imam beobachten, der für sich und seine Frau ein Haus kauft. Nicks Vorschlag, Geld vor der Steuer zu schützen, nutzt er aus. Autor Ayad Akhtar bietet die menschliche Seite des Gotteskriegers, wenn er ihn erzählen lässt, wie schön es war, seine Frau im eigenen Haus mit Süßigkeiten glücklich zu sehen. Solche Momente verbinden in Akhtars Stück über kulturelle Grenzen hinweg.

Wie brüchig die Machtverhältnisse sind und dann doch mehr mit Geld als mit Glauben zu tun haben, wird nicht erst mit Bashirs Alleingang klar. Akhtars Figuren bewegen sich in Bochum in einem grün schimmernden Koordinatensystem, mit dem Raimund Bauer (Bühne) den Theaterraum parzelliert hat. Nachdem im zweiten Teil selbst die Mauer zu Nicks Gefängnis fehlt, und Videobilder aus der Perspektive von US-Drohnen irgendwelche Häuser zeigen (Video: Bibi Abel), scheint doch jedes Leben gefährdet, selbst das von Nick, dem am Ende die Freiheit winkt. Das grollende Grundrauschen in den Kammerspielen ist schon die Klangkulisse des Drohnenkriegs (Osterhoff/Dosch), um den es exemplarisch dann im zweiten Stück geht. Anselm Weber dimmt die atmosphärische Angst herunter. Es bleibt aber das Koordinatensystem für George Brants Monolog „Am Boden“. Hier darf eine US-Pilotin nach der Geburt ihrer Tochter nicht zurück in den Kampfjet, sondern muss eine Viper-Drohne führen. Statt Mut, Schweiß und Grips zu beweisen, fühlt sie sich als „Sesselfurzer“. Brants Stück misst die Fallhöhe im Militärbetrieb der USA ab, und Sarah Grunert gibt eine taffe Soldatin, die selbstbeherrscht über ihre Erfahrungen spricht. Wie sie letztlich von dem „Grau“ der Monitorarbeit fern des Schlachtfelds derangiert wird, fesselt als spannender Bericht. „Bumm“ – der Realitätsverlust forciert Halluzinationen bei der Pilotin, die erkennt, dass sie permanent überwacht wird: beim Einkaufen, ihr Mann bei der Arbeit und vom Team im gekühlten Gefechtsstand nahe Las Vegas. Nur wer die allgegenwärtige Überwachung führt und ihr den Schiessbefehl gibt, dass weiß die Pilotin nicht. Sie tötet anonym. Und wen? Viel Applaus für beide Stücke.

10., 16., 22. 12., 5., 8., 20. 1. 2017; Tel. 0234/3333 5555

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare