„Der böse Blick“: Die Kunstsammlung NRW zeigt Otto Dix‘ Düsseldorfer Jahre

Zwischen Verführung und Bedrohung: Otto Dix schuf das Bildnis der Tänzerin Anita Berber 1925. Zu sehen ist es in der Düsseldorfer Ausstellung. - Fotos: Museum

Von Ralf StiftelDÜSSELDORF - Wie eine gefährliche Dämonin flammt die Tänzerin Anita Berber dem Betrachter entgegen. Das rote Kleid umhüllt den Körper wie eine Schlangenhaut. Der Hintergrund ist ebenfalls rot, wobei die Figur von Gelbtönen konturiert ist, was wiederum den Eindruck von Höllenfeuer stützt. Die dicke weiße Schminke verbirgt nicht das Alter der Frau.

Vor diesem 1925 entstandenen Gemälde von Otto Dix versteht der Betrachter sofort, was gemeint ist mit dem „bösen Blick“. Der Künstler betont die Körperlichkeit seines Modells, ohne zu beschönigen. Nicht nur wegen des schrillen Farbklangs mit mehr als 50 Schattierungen von Rot (die Haare! die Lippen!! die Nase!!!) springt das Bild ins Auge. Die Sexualität ist ausgestellt, aber Dix unterläuft die üblicherweise damit verbundenen Merkmale von Jugend. Die alten Meister stellten der verführerischen Jungfrau die faltige Alte entgegen. Dix vereint sie zu einem mehrdeutig zwischen Verführung und Abstoßung schillernden Anblick.

Das Werk ist in der Kunstsammlung NRW zu sehen. Unter dem plakativen Titel „Der böse Blick“ vereint die Schau rund 230 Gemälde und Papierarbeiten von Otto Dix (1891–1969). Dix war in den letzten Jahren durchaus präsent in den Museen. Die Schau im K20 aber beleuchtet einen bislang wenig beachteten Aspekt: Dix verbrachte einige prägende Jahre in Düsseldorf. Davor hatte er sich als Dadaist bereits in Dresden und Berlin einen gewissen Ruf erworben. Seine bösen Montagebilder mit Kriegskrüppeln und Prostituierten erregten Anstoß im gutbürgerlichen Publikum. In kommerziellen Erfolg hatte er seine Bekanntheit aber nicht ummünzen können.

Da ergaben sich Chancen. Der Arzt Hans Koch, der Kunst sammelte und eine Galerie betrieb, stellte den Kontakt zur Düsseldorfer Galeristin Johanna Ey her, einer legendären Selfmade-Unternehmerin, die zunächst eine Kaffeestube betrieben hatte, ehe sie in den Kunsthandel einstieg. Das „Ey“ wurde zum Kristallisationspunkt einer jungen Kunst. Dix kam als Dandy nach Düsseldorf, aber seine Hose, berichtet Johanna Ey, war abgewetzt. Er schlief in einem Nebenraum der Galerie. Er porträtierte Hans Koch – und verliebte sich in dessen junge Frau Martha, die er 1923 auch heiratete. Koch selbst hatte da schon eine Affäre mit Marthas Schwester. Es war eine Trennung in Harmonie.

Auch diese biografischen Aspekte werden in der Schau ausgeleuchtet mit Fotos, Briefen, Zeichnungen. Dix stilisierte sich zum Dandy, zu einer Art Gangsta-Rapper der Malerei. Seine Selbstporträts zeigen ihn mit dunklen Augen, vorgerecktem Kinn, zurückgekämmtem Haar, fast wie Fahndungsbilder der polizei. Aber zugleich war er Familienmensch, schuf für die Kinder Marthas aus ihrer ersten Ehe Bilderbücher, porträtierte „Hanali“ und „Muggeli“ voller Zuneigung. Das im letzten Jahr entdeckte Bilderbuch für Hana ist komplett zu sehen, bunte, fantasievolle Szenen aus Märchen und der Bibel.

In Düsseldorf entwickelte er einen neuen, eigenen Stil, abseits der Dada-Montagen, der kubistisch beeinflussten Malerei. Seine Bilder wurden ruhig, ausgewogen, ohne das „Böse“ zu verlieren. Man sieht es in seinem Porträt von Johanna Ey (1924), die er vor einer Säule stehend zeigt, umweht von einem Vorhang. So hatten einst Barockmeister Könige und reiche Kaufleute dargestellt. Die korpulente „Mutter“ Ey allerdings scheint sich gegen den roten Stoff zu stemmen, müht sich um ihr Gleichgewicht, wirkt seltsam deplatziert in dieser Würdepose. Selbst das so nüchterne Bildnis des Fotografen Hugo Erfurth (1926) verstört beim zweiten Blick: Der Mann hat den Kopf eingezogen, so als zwängte er sich in das zu flache Bildformat. Der große Schäferhund mit der hechelnden Zunge zieht die Aufmerksamkeit auf sich.

Zu der Zeit malt Dix in einer besonderen Technik, mit dünnflüssiger Farbe in vielen sich überlagernden Schichten. Diese Lasurmalerei lässt die Farben leuchten, gibt der Darstellung Tiefe und Glanz. Dix bezieht sich auf die alten Meister, seine Kunst ist traditionssatt. Selbst seine Signatur auf einigen Bildern, in der er das O aus einer Schlange, das D aus einem Bogen formt, zitiert das berühmte Markenzeichen Cranachs, die geflügelte Schlange.

Dix inszeniert sich als Bürgerschreck. Im Esszimmer der Familie Dix hängt ein krasses „Lustmord“-Gemälde. Die Sex- und Crime-Motive, die in den Nachkriegsjahren Mode waren, feiert Dix in immer neuen Variationen. In Düsseldorf sind in großer Fülle die Aquarelle ausgestellt, in denen sich Dix spontan und unglaublich frisch ausdrückt. Wenn er da nächtliche Straßenszenen einfängt oder den „Nebelmorgen im Industrieviertel“ (1922), hat das eine reportageartige Präsenz. Wunderbar karikiert er Halbweltdamen, zum Beispiel „Mieze, abends im Café“ (1923), mit greller Schminke, Leopardenstola und spitzen Spinnenfingern. Daneben gibt es ganze Serien von kruden Kriminal- und Bordellszenen, Matrosen mit dicken Huren, faltige Liebesdienerinnen, posierende Dominas. Dix hat einen besonderen Sinn für Humor, er malt nicht nur einen „Gott der Konditoren“ als runden Putto über Torten schwebend, sondern auch einen „Gott der Friseure“, nackt, mit Scheitel im Schamhaar.

Zugleich entdeckt Dix in Düsseldorf die Druckgrafik neu. Im Antikriegsjahr 1924 schuf er seinen Zyklus „Der Krieg“, drastische Radierungen von Sterbenden, von traumatisierten, verstümmelten Soldaten, von Leichenfeldern. Er verarbeitete eigene Fronterfahrungen aus Flandern in einem Zyklus, dessen Wucht an Vorbilder wie Callot und Goya heranreicht.

In Düsseldorf sieht man in aller Themen- und Stilfülle Beispiele aus Dix‘ wohl bestem Jahrzehnt.

Bis 14.5., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204, www.kunstsammmlung.de,

Katalog, Prestel Verlag, München, 34 Euro

Quelle: wa.de

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