Der Bozar in Brüssel zeigt die Zero-Künstler Pol Bury und Yves Klein

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Nylonfäden mit einem Farbpunkt, die sich sacht bewegen: Pol Burys „Erectile Entity“ (1962) ist in Brüssel ausgestellt.

BRÜSSEL - Die silbernen Stahlrohre scheinen zu nicken. Neigen sie sich vor, geben sie das Wasser frei, dann pendeln sie zurück und füllen sich wieder. Ein abstrakter Tanz mit Wasser, dekorativ und mit dem Effekt, dass man fragt, wie das wohl gemacht wurde. Pol Burys „Fountain“, deren Metallrohr-Kern vier Meter durchmisst, steht nicht in einem Park, sondern im Brüsseler Palast der schönen Künste, dem Bozar.

Monumental mochte der belgische Künstler es. Für die Brunnen bekam er Aufträge von der Fondation Maeght, vom Guggenheim Museum New York, den Gärten des Palais-Royal in Paris, den Olympischen Spielen in Seoul. Pol Burys Ruhm gründet durchaus in seiner Rolle als jemand, der öffentliche Räume stilvoll möbliert. Aber er war vielseitiger, wie nun die große Werkschau „Time in Motion“ im Bozar zeigt. In rund 120 Arbeiten ist die ganze Spannweite des Werkes präsent, das mit surrealistischer Malerei in der Nachfolge von René Magritte und Yves Tanguy beginnt und zu Spielen mit Geometrie und Bewegung führt.

Die Künstler des Konzeptuellen, der neuen Medien wie Licht und Bewegung, die sich nach dem Krieg in der Düsseldorfer Gruppe Zero zusammenschlossen, werden in den letzten Jahren wiederentdeckt, es gab große Werkschauen von Otto Piene, Günther Uecker, Heinz Mack. Bury stand mit ihnen in Kontakt, stellte mit ihnen aus zum Beispiel 1959 in einer Ausstellung in Antwerpen. Und auch der französische Künstler Yves Klein (1928-1962) gehörte zu den Neuerern, die Wege abseits von Figuration und Abstraktion suchten. Parallel zu Bury zeigt der Bozar eine Übersichtsschau mit Werken von Klein, „Theatre of the Void“ (Theater der Leere).

Bury (1922-2005) stammt aus La Louvière, einer Bergbaurevier in der Wallonie. Er studierte ein Jahr an der Kunstakademie in Mons, blieb aber Autodidakt. Ein Freund brachte ihn zunächst mit der Surrealistengruppe „Rupture“ in Verbindung, nach dem Krieg schloss er sich der Gruppe Cobra um Karel Appel, Asger Jorn, Corneille, Constant an. Der erste Ausstellungsraum zeigt die Entwicklung eines Malers, der in frühen Werken wie „Das Ende des Christentums“ (1940) und „Titel verloren“ (1945) ganz im Banne von Magritte und Delvaux steht, ein Epigone. Danach experimentiert er mit Formen abstrakter Malerei. Doch erst die Begegnung mit den Mobiles von Alexander Calder 1950 in Paris bringt ihn in die Spur. Nun beginnt auch Bury, bewegliche Skulpturen zu entwerfen, zunächst „Mobile Flächen“ an der Wand.

Später greifen seine Arbeiten immer mehr in den Raum aus. Ab 1959, 1960 entwirft er „Punktuationen“, mehrere gelochte, übereinander montierte Scheiben, die rotieren, wodurch immer neue Punktmuster entstehen. Aber er arbeitet auch mit Draht und dicken Nylonfäden, an deren eine Spitze er Farbpunkte setzt. Sie stehen nun wie Stachel oder Haare aus Bildern auf. Dahinter ist ein Elektromotor. Je nachdem, wie dicht Bury die Objekte gesetzt hat, blickt man nun auf etwas, das mal an ein pelziges Wesen erinnert, das atmet, an Grashalme, durch die Wind weht, oder auch an einen Schwarm kleiner Insekten. Obwohl man weiß, dass hier reine Mechanik arbeitet, bekommen Burys Schöpfungen ein seltsames Eigenleben. Bei vielen dieser Objekte ist die Bewegung langsam, so dass man manchmal lange hinschaut und zweifelt, ob sich da wirklich gerade etwas bewegt hat oder ob man sich das nur einbildet.

Der Belgier entwickelt einen skurrilen Humor. Einige der Arbeiten heißen „Erectiles“, zum Beispiel eine Wandarbeit, vor die Gruppen aus aufgefädelten Holzwürfeln hängen. Zieht der Motor an, richten sich die Würfel auf. Die sexuellen Assoziationen bei dieser so abstrakten Arbeit entstehen allein im Kopf des Betrachters, sind aber schon durch den Titel eingeplant.

Schon in den 1950er Jahren hatte er mit dem befreundeten Schriftsteller André Balthazar eine absurde Akademie gegründet. Sie gaben eine Zeitschrift heraus, den „Daily Bûl“, wobei das Bûl gesprochen wurde wie Boule, das französische Wort für Kugel. Die Collagen, Montagen, Karikaturen darin sind Nachklänge von Dada und Surrealismus.

In den 1960er Jahren kam Burys internationale Karriere richtig in Gang. Er war auf der dritten und vierten documenta in Kassel vertreten, repräsentierte 1964 Belgien bei der Biennale in Venedig. Er plante jetzt in Fotomontagen für den Stadtraum, zum Beispiel schäumen metallisch glitzernde Kugeln über Manhattan auf wie Ufos (1971), und realisierte große Skulpturen. Nun ließ er Stahlkugeln von Magneten ganz langsam über eine Ebene tanzen („Monument No. 3“, 1971). Auch die „Erectiles“ schuf er weiter, eine mehr als sieben Meter breite Version aus Holz (1972) kam aus dem Pariser Centre Pompidou nach Brüssel. Und er entwarf Schmuck, einige Broschen, Halsreife, Ringe sind ausgestellt. Der Witz freilich ging nicht ganz verloren. 1973 schuf er Skulpturen mit Metallsaiten, die von den bewegten Holzzapfen angerissen werden, musizierende Kunstobjekte.

Die Ausstellung „Theatre of the Void“ (Theater der Leere) mit Werken Yves Kleins direkt nebenan bildet dazu einen anregenden Kontrast. Der Franzose ist durch sein patentiertes Yves-Klein-Blau berühmt. Sein Werk blieb übersichtlich, vieles ist vor allem konzeptuell spannend. So ist es vielleicht spröde, an den Monochromen vorbeizulaufen, Bildtafeln, die deckend eine Farbe tragen. Das in Orange hat er signiert, „K. Juin 55“, und die Schrift zerstört sofort den Effekt. Klein, Sohn zweier Künstler, studierte nicht Kunst, sondern befasste sich mit vielen Feldern wie Musik, Esoterik und fernöstlicher Meditation. Er war von Judo begeistert und trainierte bis zum schwarzen Gürtel. Berühmt wurde er mit den monochromen Gemälden, die nichts mehr zeigen, sondern einfach durch ihre farbliche Präsenz wirken. Eine der größten Arbeiten wurde für die Schau rekonstruiert, eine meterlange Bodenarbeit von 1957, die überwältigend wirkt. Auch er hat mit zahlreichen Aktionen einen neuen, provokanten Ton in die Kunst gebracht, zum Beispiel mit den Anthropometrien, bei denen weibliche Modelle sich mit Farbe einschmierten und sich dann gegen Leinwände drückten. Filme davon sind zu sehen, leider nur schwarz-weiß. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf das berühmte Foto, das Klein sieht, wie er von einer Mauer auf eine Straße springt. Wird er fallen oder sehen wir das Abheben eines Mannes, dem die Kunst Flügel verleiht?

Pol Bury, bis 4.6.,

Katalog (engl, frz., nl.) 39,95 Euro

Yves Klein bis 20.8.,

di - so di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0032/2/507 82 00

www.bozar.be

Quelle: wa.de

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