Branford Marsalis und Kurt Elling im Konzerthaus Dortmund

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Wandlungsfähig: Branford Marsalis am Sopransaxophon im Konzerthaus Dortmund mit dem Bassisten Russell Hall.

DORTMUND - Das erste Stück, eine monkishe, swingende Improvisation des Quartetts, bräuchte es nicht. Bei Branford Marsalis ist das Publikum sofort auf Betriebstemperatur. Aber so kann der Saxophonist das Publikum auf Deutsch begrüßen und den Sänger Kurt Elling ansagen. Es folgen zwei inspirierte Stunden feinster Jazz, die keinen im Konzerthaus Dortmund kalt lassen.

Marsalis‘ Ton haben auch Menschen im Ohr, die mit Jazz nicht so viel anfangen können. Er spielte auf Stings Welthit „An Englishman in New York“. Diese fließende, behende Melodieseligkeit findet man auch hier, gleich beim Standard „There‘s a Boat Dat‘s Leaving Soon for New York“. Aber auch Elling führt sich bestens ein mit einem Scat-Solo, in dem er alle Register zieht.

Da haben sich zwei besonders vielseitige, kongeniale Musiker gesucht und gefunden, die ihre CD „Upward Spiral“ (Okeh/Sony) live vorstellen. Sie bewegen sich vor allem im Mainstream zwischen Jazzklassikern und Popmaterial. Bei „Blue Gardenia“ zeigt Elling, dass er der wohl coolste Crooner seit Frank Sinatra ist, er trägt das Thema mit samtiger Intonation vor, die dem Ohr schmeichelt ohne Ende. Aber er beherrscht eben auch die Vocalese- und Scat-Kunst, setzt seine Stimme wie ein Instrument ein, kreischt, jodelt, brummt, brabbelt, grunzt, und bei alldem arbeitet er als gleichwertiges Mitglied der grandiosen Band. Am deutlichsten wird das vielleicht bei der Zugabe, dem „St. James Infirmary Blues“, wo er auf Text verzichtet und stattdessen die Trompetenstimme übernimmt, mit Marsalis perfekte Satzpassagen übernimmt und ein Solo vorträgt, das tief in der New-Orleans-Tradition wurzelt. Davor hat er mit Pianist Joey Calderazzo ein Lied von Brahms vorgetragen, „Nicht wandle, mein Licht“, und obwohl er ganz anders intoniert als ein klassischer Bariton, machte er auch da eine gute Figur. Aber er übertraf auch das noch mit seiner Interpretation von Stings Song „A Practical Arrangement“. Wie er diese Zeilen vortrug, die um Liebe betteln, das hatte unglaubliche Tiefe und Intensität, Entblößungen einer wunden Seele.

Getragen wurde das von einer famosen Band, allen voran Marsalis, der eben die wunderbare Melodiösität jener federleichten Sopransax-Linien abrufen kann, aber in einem funky Soulbop-Groove am Tenorsax auch bis an die Grenzen von Metrik und Tonalität geht. Einmal spielt er unbegleitet einige Phrasen von kühler, mathematischer Klarheit, als intonierte er gerade eine Solo-Suite von Bach, um sich dann in ekstatische Wendungen zu steigern. Hinreißend auch seine Pausen, kunstvoll eingesetzte Momente des Innehaltens, ehe er doch wieder das Instrument ansetzt, als wäre ihm gerade noch etwas eingefallen, der nächste Melodiebogen, rasend schnelle Läufe.

Pianist Calderazzo erwies sich als Energiebündel, wild auf dem Hocker rutschend, mit machtvollen Soli, und er scheint keine stilistischen Grenzen zu kennen. Ein Spaßvogel, der den Schluck aus der Wasserflasche zelebriert – und dann in die erste Reihe fragt, ob auch eine Erfrischung gewünscht sei. Schlagzeuger Justin Faulkner ist weit mehr als bloßer Taktgeber. Für jeden Ton seiner Partner scheint er sich einen eigenen Schlag auszudenken. Und Bassist Russell Hall gibt dem Geschehen ein solides Fundament.

Quelle: wa.de

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