Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ in Dortmund

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Szene aus „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ in Dortmund mit Carlos Lobo, Frank Genser, Bettina Lieder, Uwe Schmieder und Musiker Alexander Xell Dafov (von links).

DORTMUND - Der Autor ist anwesend an diesem Abend. Dicke Brille, dicke Zigarre, weite Jacke und kurzes Haar – Uwe Schmieder erklärt dem Publikum in der Rolle als Bertolt Brecht das epische Theater, den Verfremdungs-Effekt. Mit dem hübschen Kunstgriff macht Regisseur Sascha Hawemann seine Inszenierung von „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ am Theater Dortmund gleich transparent. Und er rückt das Stück ohne gewaltsame Aktualisierung an die Gegenwart heran.

Ein bisschen Doppelspiel gehört dazu: Schmieders Brecht sucht jemanden, der eine Köchin spielt. Aber Carlos Lobo winkt ab, Andreas Beck zeigt gar den Stinkefinger. Also nimmt Schmieder seufzend selbst die weiße Haube.

Brecht schrieb die 30 Szenen in den 1930er Jahren als aktuelle Kommentare, er griff Zeitungsmeldungen aus dem NS-Reich auf und schilderte das Innenleben der Diktatur erstaunlich treffend, obwohl er in Dänemark im Exil lebte. Vor allem das Klima von Verunsicherung und allgemeinem Misstrauen zeichnen die Szenen prägnant.

Die Darsteller in Dortmund tragen moderne Sportkleidung. Sie könnten gerade vom Westenhellweg in die leere Halle im Megastore gekommen sein, die durch eine niedrige doppelte Holzwand voller Papiere von den Zuschauerrängen getrennt ist (Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Ines Burisch). Sie lassen sich ganz auf den Text ein.

Der SA-Mann, der seine Freundin (Bettina Lieder) auf ihrer Stelle als Dienstmädchen besucht, stellt sogar in dieser privaten Situation die Köchin und ihren arbeitslosen Bruder auf die Probe. Er verkörpert die Willkürherrschaft und verängstigt alle um ihn herum. Frank Genser spielt den SA-Mann als ebenso rücksichtslosen wie beschränkten Macho, der seine Macht auskostet. Ein ungehobelter Klotz, vor jeder Zivilisation, so nagt er am Knochen, den ihm die Köchin zusteckte. Ein falsches Wort kann ins Lager führen, und so wiegelt Schieders Köchin gleich ab, was sie von den Radiobasteleien ihres Bruders erzählte. Ausgesprochen wird nicht, dass er vielleicht ausländische „Feind“-Sender hört. Die Schauspieler machen die Angst sichtbar, zeigen Bürger, die mit gutem Grund besorgt sind.

So führt das konzentrierte Ensemble durch die Geschichtslektionen. Andreas Beck verkörpert den korrupten Richter, der einen Überfall von SA-Männern auf einen jüdischen Geschäftsmann bewerten muss. Aber er steckt in einer Zwickmühle, kann nicht einfach das Opfer als „Provokateur“ haftbar machen, weil noch andere Interessen im Spiel sind.

Friederike Tiefenbacher stellt hochemotional die Jüdin dar, die ihre Flucht vorbereitet, aber in Telefonaten mit Freunden den Anschein von Normalität wahrt – obwohl alle Bescheid wissen. Carlos Lobo und Merle Wasmuth sind das Ehepaar, das etwas zu offenherzig über Hitler spricht, während der Sohn zuhört, der auf einmal verschwunden ist. Geht er die Eltern denunzieren?

Der Abend zeichnet präzise die Menschen, denen die bürgerlichen Sicherheiten verloren gingen. Die Verunsicherung findet sich heute ja wieder. Hawemann belässt es bei atmosphärischen Momenten, in der Kleidung, in einer Filmeinblendung einer verwüsteten Stadt, im Mitwirken des jungen syrischen Schauspielers Raafat Daboul, der einmal in Uniform eine arabische Suada auf die Mitspieler abfeuert.

Der Abend wirkt intensiv genug aus Brechts Text. In einer zugefügten Szene schwelgen Genser und Lieder als Hochzeitspaar vor dem Film eines Feuerwerks in Erinnerungen, lachen hysterisch über Witze, während sie von der Erschießung von Juden berichten. Diese fröhliche Barbarei lässt dem Zuschauer den Atem stocken. Viel Beifall für einen starken Abend.

16., 21.12., 14., 19.1., 5., 19., 24.2., Tel. 0231/ 5027 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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