Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ am Theater Münster

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Ernüchtert und nachdenklich: Johanna (Sandra Bezler) mit Dosenfleisch und Fleischkönig Mauler (Ilja Harjes) in der Münsteraner Inszenierung zu Bertolt Brechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“.

MÜNSTER Mit gutem Willen allein ist der Welt nicht zu helfen. Fromme Ratschläge und ein Teller Suppe reichen nicht aus, um Menschen auf der Glückssuche zu versorgen. Und doch ist die Hoffnung, die Johanna Dark leitet, etwas Zeitloses und Menschliches. Am Theater Münster spielt Sandra Bezler die junge Soldatin der Heilsarmee in Bertolt Brechts Agitationsstück.

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ tappst gar zu dritt (mit Ulrike Knobloch, Andrea Spicher) auf die Bühne des Kleinen Hauses. Mit dem Mumm naiver Überzeugung stehen sie da und sind in Frank Behnkes bildstarker und temporeicher Inszenierung so brav und so bieder, wie Hoffnungsvolle nun mal sein können. Und sie sind Figuren in Brechts Lehrstück vom Klassenkampf, der exemplarisch am Chicagoer Fleischmarkt aufgezogen wird und auf Jeanne d’Arc zurückgreift. Regisseur Behnke setzt den Konflikt ruppig und mit satirischen Spitzen in Gang.

Wenn Arbeiter mit Kuhmasken aufs Publikum zu robben, ist klar, wer das Vieh auf den Schlachthöfen der Geschichte ist. Regisseur Behnke lässt die Kapitalisten am Fleischmarkt gierig und intrigant zuschnappen. Cridle (Daniel Rothaug) flackern die Dollarzeichen durchs Gesicht, als Fleischkönig Mauler ihm ein Geschäft vorschlägt. Ilja Harjes spielt den Unternehmer mit jener eiskalten Attitüde, die den Spekulanten vom Firmenchef unterscheidet. Dabei heuchelt Harjes perfide, wenn er vorgibt, aus dem blutigen Schlachtgeschäft auszusteigen, weil ihm die Ochsen leidtun. Börsenfreunde aus New York rieten ihm zum Verkauf, und Mauler lockt seine Kontrahenten in die Profitfalle. Cridle wird ihm helfen, den Konkurrenten Lennox mit Niedrigpreisen auszuschalten. Vor dem derben Handgemenge wird Theaterblut und Puder aus den Umkleideschränken genommen, um Lennox’ Niedergang einzufärben und Brechts Verfremdungstechnik einzubauen.

Das geht alles Schlag auf Schlag in Münster, wo Bernhard Niechotz die Bühne als situativen Schauplatz bereithält. Das Szenenpersonal springt aus den rotgestrichenen Spinden am Bühnenrand, und im düsteren wie abgesenkten Hintergrund wird das Arbeiterelend an Chicagos Schlachthöfen illusionistisch vorstellbar.

Mauler, der von Johannas frommer Ausstrahlung beeindruckt ist, rechtfertigt sich doppelzüngig: „Der Mensch muss sich ändern, sonst ändert sich auch die Welt nicht.“ Und zum Beweis wird im Video gezeigt, wie nach dem Mord an einem Arbeiter, andere und sogar die Witwe profitieren. Im Großbild ist das intime Spiel aus der Bühnentiefe in die Mitte gezoomt. Die Gesichter der korrupten Vorarbeiter und ängstlichen Nutznießer unterhalten als voyeuristische Posse. Das wirkt ein bisschen bitter, aber moralische Standards sind im Sog der Handlung längst überwunden. Auch Cridle fällt dem blutigen Geschäft zum Opfer, muss er Mauler doch zehn Millionen Dollar zahlen, obwohl seine Anteile deutlich im Preis gefallen sind. Das Vertragsrecht greift, und Cridle plumpst von der Bühne. So effektiv ist der Markt.

Johanna wiedersetzt sich den Automatismen, die Mauler verkörpert. Und er gibt letztlich den Zwängen der Wirtschaft nach, die für ihn über alles stehen. Johannas Teilerfolge, dass Arbeiter wieder beschäftigt werden und Viehzüchter ihre Rinder verkaufen können, laufen auf Maulers Monopol hinaus. In die knackig inszenierte Ausweglosigkeit setzt Regisseur Behnke noch Akzente, wenn er romantische Revoluzzer-Losungen zur Gewalt einstreut („Nur die Knarre löst die Starre“) oder die System erhaltenden Maßnahmen Maulers, assoziativ mit der Bankenrettung unserer Tage verbindet.

Johanna ist gegen Gewalt, deshalb steht sie bei Brecht für ein Verhalten religiöser Menschen, dass die Revolution unterläuft. In Münster macht sie sich verzweifelt an Mauler ran. Ernüchtert und mit zerrissenen Strumpfhosen küsst sie den Fleischer, kuschelt mit ihm und ist bedürftig wie ein Teenager, dem sein eigenes Engagement zuviel geworden ist. Mauler aber bleibt der kalte Hund („Warum bist du gegen Geld?“). In einer grellen PR-Aktion wird Johanna, erschöpft und dem Tode nah, zur Märtyrerin ihrer Mildtätigkeit ausgerufen – systemerhaltend. Der Makler Slift (Christian Bo Salle) ist mit Stetson-Hut ein grelles Abziehbild des neokapitalistischen Amerikas. Seine Umklammerung wird zum zynischen Schlussbild und Selfie eines Abends, den das engagierte Ensemble trägt.

11., 14., 19. 1., 3. 2., 3., 4., 10., 28., 30., 31. 3., 6. 4.;

Tel. 0251/59 09 100;

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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