Briefe an den Krupp-Konzern in der Villa Hügel

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Mit kräftiger Schrift: Der Brief von Kaiser Wilhelm II an Bertha Krupp ist in Essen zu sehen.

Essen - Kaiser Wilhelm II. griff am 12. Dezember 1902 persönlich zur Feder, um dem „verehrtesten gnädigen Fräulein“ ins Gewissen zu reden. Die gerade 16-jährige Bertha Krupp erbte nach dem überraschenden Tod ihres Vaters den Konzern. Und der Herrscher drängte sie, den Betrieb weiterzuführen. Nicht ohne Hintergedanken: Er bot ihr Unterstützung und Rat an, wollte Einfluss nehmen auf den Rüstungskonzern, eines der wichtigsten Unternehmen des Reichs.

Jetzt ist der Brief in der Villa Hügel in Essen zu sehen. In der Ausstellung „Humboldt dankt, Adenauer dementiert“ präsentiert das Historische Archiv Krupp 44 Schriftstücke aus 200 Jahren. Ralf Stremmel, Leiter des Archivs, musste aus neun Regalkilometern Akten auswählen. Den Inhabern des Essener Stahlkonzerns schrieben Unternehmer, Staatsleute, Künstler, Wissenschaftler. Man könnte meinen, dass den Besucher eine trockene Archivpräsentation erwartet. Das Gegenteil ist der Fall: Hinter jedem Brief steckt lebendige Geschichte.

Jeder Brief in den aus konservatorischen Gründen abgedunkelten Räumen liegt auf einem eigenen Lesepult. Auf einer ausziehbaren Tafel findet man den kompletten Text – schließlich ist manche Handschrift kaum zu entziffern. Es gibt einen kurzen zusammenfassenden Kommentar und ein Foto des Schreibers. So wird das historische Dokument dem Betrachter vorbildlich aufgeschlüsselt – auch wenn er immer noch die Zeit zum Lesen mitbringen muss.

Die Themenspanne ist sehr weit. Natürlich geht es oft um Geschäfte und Politik, schon im ältesten Objekt, einer Urkunde, in der die letzte Fürstäbtissin Maria Cunegunda im Jahr 1800 ein Lehen für den Steinkohleflöz „Dreckbank“ in Sprockhövel vergab.

Man liest eine Rechnung des Unternehmers Franz Haniel von 1819 an Firmengründer Friedrich Krupp über die Lieferung von 624 Klumpen Thonerde. Krupp wollte nicht zahlen, weil die Erde, die in der Schellenberger Glashütte gebraucht wurde, verschmutzt gewesen sein soll. Die Unternehmer stritten ein halbes Jahr lang, bis sie zu einem Kompromiss fanden.

Manchmal ist es aufschlussreich, benachbarte Briefe zu sehen: Am 30. Juli 1933 dankt der jüdische Bankier Max Warburg Gustav Krupp von Bohlen und Halbach für eine Aussprache. Sein Eigentum raubten ihm die Nazis wenig später zwar, aber immerhin konnte er selbst sich ins Ausland retten. Daneben findet sich ein Schreiben des Rüstungsministers Albert Speer von 1943, in dem er darauf drängt, dass Krupp für die Rüstungsproduktion Schutzmaßnahmen vor den zunehmenden Bombenangriffen der Alliierten ergreift. Der Konzern hatte sich mit den Mächtigen arrangiert. In der jungen Bundesrepublik entstehen neue Spannungen: Bundeskanzler Adenauer lehnt Geschäfte Krupps mit dem Ostblock ab. In Gesprächen stellte der Regierungschef sogar die „nationale Zuverlässigkeit“ des Konzerns in Frage. Als Krupp nachfragte, stritt Adenauer in einem Brief alles ab.

Doch die Schau beleuchtet auch andere Lebensbereiche. So förderte das Unternehmen Wissenschaft und Künste. Der Komponist Engelbert Humperdinck bedankt sich für ein mehrmonatiges Engagement auf der Villa Hügel. Und Thomas Alva Edison schrieb 1889 dem interessierten Friedrich Alfred Krupp von seinem Phonographen, einer Kombination aus Diktiergerät und Plattenspieler.

Auch Privates kommt zur Sprache: Ferry Porsche entschuldigt sich für eine verspätete Lieferung des bestellten Carrera. Und August Thyssen bedankte sich 1924: Krupp hatte seinem Konkurrenten zu neuem Biss verholfen, dank einer Behandlung in der konzerneigenen Zahnklinik und der Fertigung eines V2A-Stahlgebisses.

25.3.–8.10.; di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0201/ 6162 917,

www.villahuegel.de,

Katalog, Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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