Sam Byers’ witzige Zeitgeist-Satire „Schönes Neues England“

Sam Byersbritischer AutorFoto: Siddharth Dhanvant Shanghvi

Sam Byers lässt in seinem Roman „Schönes neues England“ Welten aufeinanderprallen. Da sind Hipster-Partys, auf denen blasierte Blogger wie Robert Townsend sich darüber austauschen, was „now“ ist, und im übrigen ihr Image als „denkender Landedelmann“ pflegen. Und seine Freundin Jess, die er für ein echtes Männergespräch einfach ignoriert, die geht auf die Toilette, um schnell einen Post abzusetzen. Denn dies sind Feste, bei denen man sich per Mobiltelefon verständigt, auch wenn man nebeneinander steht.

Da ist die Welt des Hugo Bennington, der den Wahlkreis der Stadt Edmunsbury sichern möchte. Dafür ist ihm kein Trick zu schäbig. Selbst seine Partei England Always scheint dem Mann nicht völlig zu vertrauen, obwohl seine ausländerfeindlichen Texte im Internet gut ankommen. Darum begleitet ihn Teddy Handler, ein Polit-Coach, der Online-Videos zur Selbstoptimierung dreht. Er sorgt auch dafür, dass niemand mitbekommt, wenn sich Bennington mit dem Boss der Skinhead-Schlägertruppe trifft.

Da ist Trina James, afrobritische Computerexpertin beim Internetkonzern The Arbor, wo man die Abläufe perfektioniert, die Meetings minutengenau taktet, E-Mails einmal am Tag checkt und möglichst ignoriert. In diesem kafkaesken Moloch weiß jeder nur das Nötigste, der Code dafür lautet „Need To Know“ (NTK). Was hier erarbeitet wird? Dafür ist auch der Leser nicht NTK. Aber Trina und ihre Kollegen herrschen über ein Heer schlecht bezahlter Heimarbeiter, die gamifizierte Microtasks erledigen, kleine Mosaikstücke für das Große Ganze.

Und da ist die Siedlung Larchwood, die entwickelt werden soll. Die Gentrifizierung greift von der Metropole London aufs Land über. Aber einige wenige wehren sich gegen die Entmietung ihrer schäbigen, aber erschwinglichen Häuser. Unter ihnen die eigenwillige Lebensgemeinschaft Trinas, die mit Mia, Carl und dem Baby Bella wohnt. Und der Witwer Darkin, gehbehindert, verwahrlost, auf die Hilfe seines letzten Freundes angewiesen. Der alte Mann wird zum Spielball des Immobilienkonzerns, aber auch zum Demonstrationsobjekt der Kolumnenschreiber.

In der modernen, sich durchdigitalisierenden Welt verbinden die feinen Fäden der Blogs, der Online-Zeitungen, der Kommentare und Clicks all diese Menschen, die sich in früheren Zeiten nie bemerkt hätten. Und als wäre nicht schon genug Unordnung in diesem Mikrokosmos, mischen auch noch Internetaktivisten Edmundsbury auf mit der Drohung, die geheimsten Geheimnisse zu hacken und öffentlich zu machen.

Byers, geboren 1979, arbeitet als Publizist unter anderem für das Times Literary Supplement und hat mehrere Preise für seinen Debütroman „Idiopathie“ gewonnen. „Schönes Neues England“, 2018 erschienen, mischt die Zeitgeist-Satire mit der Dystopie. Es spielt in einem „Post-Brexit-England“ (Originaltitel: Perfidious Albion), ohne die Abwendung von Europa explizit zu thematisieren. Die aberwitzigen Wendungen, die die britische Politik in den letzten Monaten nahm, waren nicht vorhersehbar. Aber auch ohne den direkten Bezug auf die Ereignisse zeigt er sehr analytisch und sehr komisch die Auswüchse eines Turbo-Kapitalismus, der in Algorithmen und Online-Kommunikation, in der Datenwelt und den hochgerüsteten Simulationen unvergleichliche neue Werkzeuge gefunden hat.

Wenn Bennington einen wütenden Witz Trinas verfälscht in einen Aufruf, weiße Männer auszurotten, wenn die kleine Dreiecksfamilie in der Boulevardpresse zur Sexkommune umgedeutet wird, dann erkennt man darin vielleicht die Tricks, mit denen Populisten hierzulande Kampagnen gegen „Messermänner“ und „Umvolkung“ entfachen. Sehr schön zeigt Byers auch die Verführbarkeit, die Eitelkeit des intellektuellen Prekariats. All diese Roberts suchen Aufmerksamkeit, Sicherheit, Liebe, und dafür lassen sie sich von intriganten Redakteuren wie Silas Blandford manipulieren. Dann ist es egal, wie viel Widerspruch man erntet, Hauptsache, viele Clicks. Und auch die Meinung wird zur Disposition gestellt. Blandford spricht Klartext: „Du bist momentan superheiß. Das ist keine Metapher. Ich habe hier gerade eine Heatmap des Datenverkehrs vor mir, und du bist buchstäblich ein Hotspot.“

Byers trifft herrlich den Jargon der unterschiedlichen Szenen. Einer dieser Dorfdenker sagt: „Es ist ein Fluch, kulturell immer am Puls der Zeit zu sein. Ich bin permanent auf Empfang – eine ständig zitternde Wünschelrute.“ In der Firma, wo die Meetingminuten knapp kalkuliert sind, sagt einer: „Tut mir leid, aber anzukündigen, du kämst zum Punkt, anstatt gleich zum Punkt zu kommen, stiehlt uns auch wieder Zeit.“ Und Teddy bringt Bennington, der am liebsten eine Auszeit hätte, so auf Touren: „Aber wissen Sie, welchen Fehler neunundneunzig Prozent der Leute in einer solchen Situation machen? Sie nehmen ihre Auszeit, wenn gerade Spielzeit ist. Hier geht‘s gerade ans Eingemachte, Hugo… Ja, die Situation ist haarig. Aber die Dinge sind immer am kompliziertesten, kurz bevor man sie vollständig entkomplifiziert.“

Sam Byers: Schönes Neues England. Deutsch von Clara Drechsler. Tropen Verlag, Stuttgart. 509 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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