Catalin Dorian Florescus „Mann, der das Glück bringt“

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Catalin Dorian Florescu

Sehnsuchtsort der Neuen Welt war New York. Hier starteten die meisten Einwanderer im 19./20. Jahrhundert ein anderes Leben. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hatte hier seinen Anfang. Bis heute ist New York der Erzählort für die großen Geschichten geblieben – Hollywood dreht Katastrophen- und Liebesfilme. TV-Serien spielen auch im Big Apple.

Der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu nutzt in seinem Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ die Stadt als literarisches Sujet und blickt auf Mitläufer und Randfiguren. Er lässt Ray von seinem Großvater erzählen, der sich 1899 in Manhattan durchschlägt. Er verkauft Zeitungen, schläft im Kohlenkeller und muss seinen besten Freund erfroren auffinden. Es sind Schicksalstage, die Paddy, später Berl, vor allem als hungriger Amerikaner meistern muss, ohne Eltern, ohne Herkunft. Ein Kutscher steckt ihm Essen zu, bei einem Juden kann er überwintern und wegen seiner Stimme, nennen ihn die Huren, die ihre Babies heimlich austragen und abgeben, den „Mann, der das Glück bringt“. Mit seinem Talent kann er aber keine Karriere machen.

Catalin Dorian Florescu macht einen zweiten Erzählort im rumänischen Donau-Delta auf, das Dorf Uzlina. Elena berichtet, wie ihre Großmutter Lena 1919 ein Mädchen zur Welt brachte, um das sie sich nicht kümmerte. Armut, Hoffnungslosigkeit und der ewige Strom dominieren das Leben der im Schilf Vergessenen. Die Illusion von New York wirkt dagegen märchenhaft und so weit weg, dass selbst Fotografien aus der Metropole fantastisch bleiben. Florescu entwickelt daraus eine Melancholie mit herbem Realismus, der an jüdische Erzähltraditionen erinnert. Was ihm allerdings abgeht, ist der lebensbejahende Humor.

Die wechselweisen Berichte von Ray und Elena dramatisiert er zunehmend, um mit Spannung seine Geschichten aufzuladen. Denn dass die Glückssuche letztlich jeden Menschen antreibt, ist als Erkenntnis bald verbraucht. So wird Elenas Mutter vom leiblichen Vater mit Lepra angesteckt und lebt isoliert zwischen den Aussätzigen, bis sie sich umbringt und ihre Tochter das Glas mit der Asche erhält. Sie entschließt sich, damit nach New York zu reisen, weil ihre Mutter dort immer hinwollte.

Rays Großvater sucht in New York einen neuen Gelderwerb. Fortan arbeitet er mit einem Bestatter zusammen, der weiß, wie man für „Ware“ sorgt. Der junge Mann wird schuldig, weil er mitmacht, und er soll fortan schwer an diesen Taten tragen.

Beide Erzähler, Elena und Ray, versuchen, über die Erinnerungen an ihre Vorfahren dem eigenen Leben Orientierung zu geben. Ihre Geschichten werden erst in Zeitsprüngen vorgestellt, bis sich beide am 11. September 2001 zufällig treffen, als das World Trade Center zusammenstürzt.

Spätestens mit dieser Wendung hat der Autor seine Lust zu Konstruieren über jegliche Plausibilität gestellt. Es wird auch kein poetisches Niveau erreicht oder ein historisches Fazit gezogen. Elena fällt das Glas mit der Asche ihrer Mutter in die staubigen Überreste des Terroranschlags. Sie kratzt dann zusammen, was zusammengekommen ist, und verbindet die Sehnsucht aller Einwanderer mit dem Tod der Terroropfer von 9/11.

Der Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ kippt ins Kitschige. Ray erzählt von Einwanderern, die wie er mit Späßen und Parodien ihr Publikum belustigten, um in der neuen Welt zu überleben. Al Jolson wird vorgestellt, Gershwin erwähnt, Ed Wynn, der Tollpatsch, „Kartoffelnase“ Jimmy Durante und Buster Keaton. Florescu erweckt sie wieder. Das ist gut recherchiert von dem preisgekrönten rumänischen Autor, aber bleibt journalistisch.

Dass seine Figuren Gefühle füreinander entwickeln, darf erwartet werden. Doch mit weiteren Anekdoten wird ihre Bindungsangst belegt und gleichzeitig das Ende in die Länge gezogen. Ray lebt in Brooklyn, Elena geht nach Tulcea an die Donau zurück.

Catalin Dorian Florescu lässt letztlich seine dicht gewebten Geschichten auf eine Zweisamkeit zulaufen, die den Erzählfluss mit Sentimentalität und Tragik stoppt. „Wer kann schon sagen, was sich im Kopf eines Mannes abspielt“, resümiert Elena.

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt. Roman. C.H. Beck Verlag, München. 325 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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