CD-Box zieht eine „Bilanz“ der Hörspielarbeit des WDR

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Der Autor dirigiert die Sprechkünstler: Mauricio Kagel mit Christian Brückner, Gert Haucke und Peter Fricke (von links) bei der produktion von „Die Umkehrung Amerikas“ (1976).

Die deutsche Nachkriegsliteratur sähe anders aus, hätte es nicht den Rundfunk gegeben. Mit Aufträgen, vor allem für Hörspiele, sicherten die Anstalten der ARD vielen Autoren in den 1950er Jahren die Existenz. Heinrich Böll zum Beispiel war in der Nachkriegszeit auf die Honorare des Rundfunks angewiesen.

So entstand ein schier unermesslicher Vorrat an Stücken, verfasst von den besten Schriftstellern. Eine kleine Auswahl davon macht nun ein wunderbares Hörbuch verfügbar, das der WDR zum 70. Geburtstag des Landes Nordrhein-Westfalen herausbracht.

Rundfunk hatte ja vor der flächendeckenden Einführung des Fernsehens eine bedeutende Wirkung. Kriminalhörspiele von Francis Durbridge waren „Straßenfeger“. Die Familie versammelte sich abends um den Empfänger und hörte zu. Die Kunstform ist noch heute vital, man denke nur an den beliebten Radio-„Tatort“. Aber welche Spannweite das Hörspiel hat, das lässt diese Zusammenstellung auf zehn CDs ahnen, mit 13 Werken, die zwischen 1958 und 2013 vom WDR produziert wurden.

Den Anfang macht Heinrich Bölls „Bilanz“, ein Familiendrama um eine sterbenskranke Frau, die noch einmal ihren Sohn sehen möchte – der allerdings im Gefängnis sitzt. Das entwickelt seine Spannung ganz aus dem Inhalt, produziert ist es wie eine Lesung mit verteilten Rollen, ohne Soundeffekte. Ein literarisches Konzentrat.

Schon das nächste Stück, Erasmus Schöfers „Berg der Schatten“, entstanden 1966, setzt mit Musik ein, vermittelt dem Hörer mit Klängen den Eindruck, wirkliche Vorgänge zu verfolgen. Das Stück handelt von der Traumatisierung einer Überlebenden der NS-Konzentrationslager, und wenn die Frau in Panik durch die Stadt läuft, überwältigt von Erinnerungsschüben, dann tragen Geräusche und Gesprächsfetzen von Passanten zu einem gesteigerten Realismus bei.

Ganz zu schweigen von den neueren Stücken, die Techniken anwenden, die zum Teil aus der Neuen Musik stammen. Walter Filz schuf 1999 „Resonanz Rosa: Eine Frau hört mehr“, und darin geht es um eine besondere akustische Sinneswahrnehmung. Die Titelheldin, die gerade einen Job bei der Produktionsfirma einer Talkshow angetreten hat, hört, was andere nicht hören: Rest-Resonanzen. Dahinter steht das Prinzip, dass Schallwellen nie ganz verebben. Den leisen Rest fängt Rosa ein, besonders wenn sie unter Stress steht. Und bei der TV-Produktion steht sie ständig unter Stress. Filz braucht nur zwei Sprecher, aber er arbeitet mit einer Fülle von medialen Fundstücken, die er in neue, medienkritische Zusammenhänge stellt. Sehr unterhaltsam, sehr originell.

Aber auch Musiker, Komponisten betätigen sich im Hörspiel. Mauricio Kagel zum Beispiel nutzt für „Die Umkehrung Amerikas“ (1976) zwei Chöre und weitere Musiker, um authentische Berichte aus dem 16. Jahrhundert über die Verbrechen der spanischen Eroberer an der indianischen Bevölkerung aufzubereiten.

Und Gerd Rühms „Wintermärchen“ (1976) basiert auf einem Kriminalfall, die Entführung eines Disco-Besuchers, der nackt im Wald zurückgelassen wurde, sich zwar befreien konnte, aber trotzdem erfror, weil kein Autofahrer anhielt, um ihm zu helfen. Im Lauf der Geschichte verändert sich das Klangbild: Erst klassische Klaviermusik, später hört man Geräusche wie das Schlagen eingeschalteter Scheibenwischer und vorbeifahrende Autos.

Hörbücher haben seit längerem Konjunktur. Insoweit stehen die Chancen gut, dass auch diese „Bilanz“ ihr Publikum findet. Zumal es hier nicht nur darum geht, einen Text von einem Schauspieler mehr oder weniger gut vorgelesen zu bekommen. Obwohl auch in dieser Hinsicht viel geboten wird, so sind Stars wie Brigitte Horney, Nicole Heesters, Hansjörg Felmy, Christian Brückner, Dominic Raacke zu hören.

Die Stücke dieser Edition haben thematisch wie stilistisch eine Spannweite, die einfach nur staunen macht. Und die Ausstattung lässt keine Wünsche offen: Schuber im Buchformat, ein informatives Begleitheft.

Wolfgang Schiffer/ Michael Serrer (Hgg.): Bilanz. Hörspielkunst aus den Studios des WDR. 10 CDs + Begleitheft, Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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