Charles Wilp im Haus Nottbeck

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Nonnen mit Afri-Cola auf Werbeplakat.

OELDE-STROMBERG Helmut Schmidt muss es ja wissen. „Sie reden wie ein moderner Psychologe“, sagt der SPD-Politiker zu Charles Wilp, dem Werbeguru der 60/70er Jahre. Schmidt, damals Bundesminister der Verteidigung, ist in einem „Making-Off“ – wie man heute sagen würde – zu sehen, das ihn bei einem Werbeshooting zeigt. „Das sieht doch nicht aus, Kinder“, sagt Schmidt, der Fußball-Stutzen und -schuhe zu seinem grauen Anzug tragen soll. Die Hose ist hochgekrempelt, und Schmidt steht neben einem Kickertisch. Dieses Zeitdokument amüsiert im Museum für westfälische Literatur. Eine Fotografie zeigt Schmidt mit Wilp (1972/2000) noch an anderer Stelle.

Auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg ist die „1968er Revolution“ eingezogen. Die kompakte Schau „Sexy, Mini, Flower, Pop-Op“ zu dem Werbefachmann, Fotografen und Künstler Charles Wilp ist ein Prolog zur großen Ausstellung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). Ab 24. September heißt es dann in Oelde-Stromberg „1968 – Pop, Protest und Provokation“. Wie hat sich der Widerstand gegen das Establishment in Westfalen ausgedrückt?

Das Epochenjahr 1968 kennt beispielsweise den Slogan „Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola – alles ist in Afri-Cola“. Auch wer die Koffein-Brause nicht getrunken hat, den Spruch kennt irgendwie jeder. Die Ausstellung der LWL-Literaturkommission für Westfalen wird von Inge Wilp kuratiert, der Ehefrau von Charles Wilp (1932–2005). Im Zentrum der Schau läuft die schon erwähnte NDR-Dokumentation. Man kann sich dem Film „Konsum, Rausch, Hexen, Meister – Ein Werbemann sieht einen Werbemann“ nicht entziehen. Wilp ist im hellgelben Overall ein omnipräsenter Macher, der am Produktionsset nichts dem Zufall überlässt. Wie Wilp mit einem Model, zahllosen Orangen und einem Korb Reklame macht, das ist eine Show, die auch nach fast 50 Jahren ihren Reiz nicht verloren hat. Wie das Model die Orange greift, wie sie lächelt, wie sie hinter dem Korb steht, alles flüstert, befingert und bestimmt Charles Wilp. Er ist wie ein ferngesteuerter Magier, möchte alles modellieren, ruft „Enjoy it“, und das Model steht nackt im Bild.

Der Film zeigt aber nicht nur, wie Charles Wilp aus Werbedrehtagen ganze Happenings gemacht hat („Stiebel Eltron – Immer heißes Wasser“), sondern spürt auch der Diskrepanz in seiner Zeit nach. Wilp möchte eine „biodynamische Anlage“ im „Deutschen Supermarkt“ einrichten. Die Kauflust soll im keimfreien Raum gesteigert werden. Ein Kunde sagt dazu, „Zwiebelgeruch“ störe ihn nicht. Und nun?

Wilp war eine singuläre Erscheinung zwischen Kunst und Kommerz. 1972 stellte er auf der documenta in Kassel aus. Er hatte mit Christo, Yves Klein und Joseph Beuys zusammen gearbeitet. Eine Fotografie zeigt ihn, wie er den Künstler 1975 am Strand von Kenia ins Bild rückte. Das Beuys-Foto ist in einen Nachruf auf Charles Wilp in der „Zeitung für Fotografie“ eingebetet. Die Zeitschrift liegt im Museum aus.

Charles Wilp, der bereits als Kind von der Weltraumfahrt begeistert war, erscheint wie ein Botschafter neuer Galaxien. Er zählte zu den Fortschrittsoptimisten, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Wilp ging vorneweg, experimentierte. Eine Skulptur von ihm ist ausgestellt, ein kühner wie gedrängter Materialmix. Er hat Bildnisse deutscher Kanzler von Adenauer bis Kohl auf Gesteinsbrockenverewigt, die beim Tunnelbau zwischen Frankreich und England angefallen waren. Goldbedampfte Satellitenfolie ist verarbeitet und Stycast, ein Epoxidharz, das schlag- und widerstandsfähig ist. Wilp griff gern zu Stoffen aus der Raumfahrt. Die Skulptur wird heute etwas speckig.

Auch für die Brauerei Isenbeck Pils aus Hamm arbeitete Wilp. Er schuf eine „Audiovision“ für den Verkaufraum: „Der neue Trend – Isenbeck Pils“. Er bewarb „Kwas gibt Bärenkräfte“. Die Isenbeck Brauerei („Sie erleben das 8. Weltwunder“) hatte die Genehmigung von der UdSSR, das Nationalgetränk „aus kernigem Roggenbrot“ anzusetzen. Aber „der neue Trend unter den alkoholfreien Getränken“ kam nicht an. Weitere Kunden von Wilp waren Getränkemarken wie Martini, Schinkenhäger sowie Möbeldesigner.

Insgesamt werden 59 Exponate in Stromberg-Oelde ausgestellt, wie die Original-Afri-Cola-Falschen, die seit 1968 dieses kurvige Design haben. Wie brav sie vorher aussahen, ist ebenfalls zu sehen.

Die Ausstellung zeigt das Phänomen Charles Wilp, das Geheimnis seines Erfolgs wird aber nicht gelöst, sondern bleibt erstaunlich. Einmal sagt er: „Den Verbraucher nicht verführen, sondern alles zeigen, wie es passiert, wie es gemacht wird.“ Ein Credo mehr.

Bis 10. September; di-fr 14 bis 18 Uhr, sa/so 11 – 18 Uhr;

Tel. 02529/94 55 90;

www.kulturgut-nottbeck.de

Walter Gödden, Fiona Dummann, Claudia Ehlert: 1968. Pop, Protest und Provokation. In 68 Stichpunkten. Ein Materialbuch. Aisthesis Verlag, Bielefeld. 747 S., zahllose Bilder, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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