China Miévilles Roman „Dieser Volkszähler“

+
Bricht mit den Gesetzen des Fantasy-Genres: Der britische Romancier China Miéville.

Eine befremdliche Welt schildert China Miéville in seinem Roman „Dieser Volkszähler“. In einer wüsten Landschaft voller dorniger Gewächse treiben sich Schakale herum, Schleudervögel und Felsenratten, sogar Käfer, so groß wie Hände. Hier ist es anders, als wir es gewohnt sind, aber erklärt wird nichts. Stattdessen beginnt die Handlung unmittelbar: Ein neunjähriger Junge, der Ich-Erzähler, kommt in das Brückendorf gerannt und erzählt in Panik, dass seine Mutter seinen Vater umgebracht habe.

Was in Wirklichkeit geschehen ist, wird der Leser nicht erfahren. Jedenfalls ist die Mutter verschwunden, nicht der unheimliche Vater, der für mysteriöse Kunden Schlüssel anfertigt, die offenbar magische Kräfte besitzen. Die Dorfbewohner finden keine Leiche, sondern einen Abschiedsbrief an den namenlosen Jungen. Obwohl der verzweifelt ist, weil er weiß, dass sein Vater manchmal in Wutanfällen Tiere und auch Menschen tötet und sie in einer tiefen Abfallgrube im Berg entsorgt, muss er zurück in das Haus auf dem Berg.

Der Autor, 1972 in Norwich geboren, ist studierter Anthropologe und Politikwissenschaftler. Er ist auch politisch aktiv, hat für die Socialist Workers Party für das Unterhaus kandidiert. Für seine ungewöhnlichen und experimentierfreudigen Romane, die zwischen Fantasy und Science Fiction oszillieren, hat er zahlreiche Preise gewonnen. Hier legt er ein literarisches Märchen vor, das mit vielen Klischeevorstellungen vom Fantasy-Genre bricht.

„Dieser Volkszähler“ erscheint zunächst gar nicht als fantastischer Roman. Das Außernatürliche, das Ungewöhnliche erscheint sozusagen in Nebensätzen, in Anmerkungen am Rande. Miéville berichtet aus einer Welt nach der Katastrophe. Die Zivilisation liegt in Scherben, Fabriken wurden demontiert, es hat Kriege gegeben. Den Strom im Haus am Berg liefert ein Generator. Die Gesellschaft ist archaisch organisiert. Durch das Brückendorf streunen elternlose Kinder, die nachts nach Fledermäusen angeln und ihre Beute essen oder zu Sachen verarbeiten. Wenn man empfänglich ist für den bizarren Zauber dieser bei allem Schauer so ruhigen Prosa, dann lässt einen dieses Buch nicht los. Zauberische Sätze findet man darin, und unbelebte Dinge gewinnen unversehens ein traumverlorenes Bewusstsein: „Häuser auf Brücken sind etwas Skandalöses. Eine Brücke möchte nicht sein. Könnte sie sich eine eigene Form aussuchen, dann hätte die Brücke einfach keine, sie wäre ein Nichtraum, der einen Ort mit einem anderen über einen Fluss oder eine Straße, ein Gewirr aus Eisenbahngleisen oder einen Steinbruch hinweg verbindet, eine Insel an eine andere kettet oder an das Festland, von dem sie sich fortmüht. Der Traum einer Brücke besteht aus einer Frau, die an einer Schlucht steht und einen Schritt nach vorn tut, als sei es ihre Aufgabe zu sterben, doch ihr Fuß setzt direkt auf der anderen Seite auf.“

Von dem seine Mordopfer entsorgenden Vater heißt es, er „fütterte nur die Dunkelheit“. Und der Junge erzählt: „Ich bin im steten Wind des Berges aufgewachsen, der mir zuflüsterte und die dunklen Haare aus dem Gesicht wehte.“ Lauter einfache Sätze, von Peter Torberg kongenial übersetzt, deren Eindringlichkeit und poetische Kraft sich sofort vermittelt.

Zur finsteren Schönheit des Buchs trägt die Kunst der Andeutung bei. Geschickt lässt Miéville den Leser im Zweifel, ob es wirklich einen vom Schlüssel beschworenen Nebel gibt, der dem Jungen den Weg vom Berg versperrt, oder ob das nur eine fiebrige Einbildung ist. Zumal der Junge sich seiner offenbar nicht sicher ist, mal von sich als „du“ erzählt, mal als „er“. Am Ende kommt ein weiterer rätselvoller Mann, eben der Volkszähler, und eröffnet dem Jungen einen Ausweg.

China Miéville: Dieser Volkszähler. Deutsch von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München. 173 S., 18 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare