Das Chorwerk Ruhr interpretiert bei der Ruhrtriennale Berios „Coro“

Florian Helgath dirigiert das Chorwerk Ruhr bei der Produktion „Coro“ in Gladbeck. Foto: Palm

Gladbeck – Klang als lebendiges Ding wahrzunehmen – das funktioniert vor allem über die menschliche Stimme, denn sie ist uns am nächsten. In Luciano Berios Komposition „Coro“ vereinigen sich Menschen- und Instrumentenstimmen. Je ein Instrument und ein Sänger werden in der Partitur parallel geführt.

Bei der Ruhrtriennale war „Coro“ mit dem großartigen Chorwerk Ruhr zu hören, das sich unter Leitung von Florian Helgath mit den Duisburger Philharmonikern zusammengetan hatte. Die Musik von eindringlicher, oft unheimlicher Schönheit wurde in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck aufgeführt, mit Wetterleuchten für die leicht unwirkliche Stimmung.

Berio beschäftigte sich eindringlich mit Alter Musik. So übernahm er auch die Colla-parte-Technik, das Parallelführen von Instrument und Gesangsstimme. Auf die Klänge von „Coro“ wurde das Publikum in der ersten Hälfte mit einer Messe aus dem 16. Jahrhundert vorbereitet: Alessandro Striggios „Missa sopra Ecco sì beato giorno“, entstanden 1565/66. Sie erfordert 40 Chorstimmen, aufgeteilt auf fünf Chöre. Helgath hatte fünf Gruppen aus Sängern und Instrumentalisten in der Halle postiert: zwei hinten, von denen ein beinahe körperloser Klang herüberdrang. Einer auf der Empore, einer links, einer mittig. So ergab sich eine fein austarierte Klangmischung, die sich ins Luxuriöse steigern konnte. Der Klang war als feines Gespinst zu erleben: fein gestaffelt, mit Raum für sorgsam ausgewogene Einzelstimmen. Das „Credo“ beginnt mit einem Tenorsolo; die Antwort schwebte aus dem Raumhintergrund mysteriös zurück, bis sie von den vorn postierten Gruppen aufgenommen wurde und sich zunehmend materialisierte: So wurde das Glaubensbekenntnis greifbar. In der Passage „Et incarnatus est“ versichern sich die Chöre im Zwiegespräch der hoffnungsfrohen Botschaft; zu „Homo factus est“ – die Menschwerdung – vereinigte sich der Klang in einem behutsamen Leuchten. Ein besonderes Erlebnis war das „Agnus dei“, in dem sich die Stimmen 60-fach aufteilen: als sei der Raum voller feiner Klang-Stränge, behutsam und doch leidenschaftlich musiziert.

Das bereitete auf Berios 40-stimmiges „Coro“ (1975/76) vor. Der Klang morpht sich hier durch die Stimmen in den Raum: eine Phrase wird von einem Instrument begonnen und setzt sich an anderer Stelle im Raum fort. Ein Motiv taucht da auf, wiederholt sich später in einer anderen Stimme an einem anderen Ort, kreist um sich selbst.

Berio wählte als Rahmen Gedichte des Nobelpreisträgers Pablo Neruda, als eine Aufforderung, Zeugnis abzulegen – „komm und sieh“, wiederholen die Sänger. Neruda wird kurzgeschlossen mit Texten von Volksliedern indianischer Ethnien, aus Afrika oder Polynesien, aber auch einem Ausschnitt aus dem Hohelied. So ergibt sich ein Panorama menschlichen Erlebens: von Liebe, Tod und Hoffnung. Die Musik fasst diese Texte in einen Strom von Motiven und Stimmungen: Liegetönen, über die sich eine Piccoloflöte mit einem gewittrigen kleinen Motiv erhebt. Ein wirbelndes kleines Motiv beginnt im Schlagwerk, während die Menschenstimmen den Text eines Lied aus Gabun singen, taucht wieder auf in den Violinen wie eine Hummel im Glas, und erscheint, zerbrechlicher, in der Flöte. Einer lange in den Chorstimmen gehaltenen Spannung, aus der ein Solo für Klarinette und zwei Frauenstimmen auftaucht, kontrapunktiert von Seufzern und Sprechphrasen in Sopran und Alt. Die Musik liegt in täuschender Ruhe, oder ist Hektik, die um einen Pol kreist. Das wurde mit großer Sorgfalt und Leidenschaft aufgefächert, bis zum letzten Verwispern des Textes. Damit hat das Chorwerk Ruhr – und mit ihm die Duisburger Philharmoniker – wieder einmal für einen Glanzpunkt im Triennale-Programm gesorgt.

Quelle: wa.de

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