Christian von Treskow inszeniert „Wie es euch gefällt“ in Münster

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Die Liebe kann verblüffen: Szene aus „Wie es euch gefällt“ in Münster mit Jonas Riemer und Sandra Bezler.

MÜNSTER - Shakespeares Ardennerwald ist in Münster einfach ein hüttengroßer Apfel, auf dem Jaques, der melancholische Narr, sich fern der Welt zusammenkauert. Weiße Wände stehen da, und dahinter erblickt man einen Leitungsmast. So fern der Zivilisation liegt das Refugium nicht, in dem der verbannte Herzog sich der Muße und der Philosophie hingibt.

Regisseur Christian von Treskow stellt im Großen Haus Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“ in einen philosophischen Rahmen. Regine Andratschke rezitiert als alter Diener Adam Platons Mythos vom Kugelmenschen. Die erotische Anziehungskraft wird darin so erklärt, dass die Menschen früher eine andere Gestalt hatten, mit zwei Köpfen und acht Gliedmaßen. Zeus aber ließ sie zerteilen als Strafe dafür, dass sie die Götter angriffen. Liebe ist die Sehnsucht nach der verlorenen anderen Hälfte, der Liebesakt eine Wiedervereinigung auf Zeit.

Eins leistet diese mythische Einbettung jedenfalls: Shakespeares fügt seine Paare recht unvermittelt und unmotiviert zusammen. Orlando und Rosalinde sehen sich – und sind ineinander verschossen. Ähnlich hopplahopp geht’s bei Kusine Celia und Bruder Oliver zu. Und wenn der Narr Probstein seine hässliche Audrey anhimmelt, dann sitzt das Paar auf einmal unter dem mächtigen Apfel. Wer fragt da noch?

Das Stückwerk im Drama versucht von Treskow gar nicht erst plausibel zu machen. Er nimmt die Handlung einfach hin. Die Liebenden lieben sich. Der Putschist Frederick ist einfach machtgeil, verstößt die Nichte Rosalinde aus einer Stimmung heraus und seine Tochter Celia gleich mit, weil sie zu ihrer Freundin hält. Und die Mädels blasen nicht lange Trübsal, sondern tauchen samt Rollkoffer unter dem Vorhang weg in den Wald. Die Regie hält sich an den Text, verzichtet jedoch darauf, die Charaktere zu erkunden. Dieser Frederick, der auch noch Orlandos bösen Bruder Oliver (Christian Bo Salle) enteignet und verjagt, handelt mit der Willkür, mit der ein moderner Sultan in der Türkei Professoren und Schriftsteller als Staatsfeinde entrechtet. Aber es sieht in Münster aus, als wär man beim Kasper und beim Räuber Hotzenplotz. Von Treskow konzentriert sich auf andere Momente. Er nimmt die Typisierung ernst, besetzt zum Beispiel doppelt, so dass Gerhard Mohr sowohl den tyrannischen Frederick als auch dessen schluffigen Hippie-Bruder mimt. Ilja Harjes gibt als Le Beau den Bürokraten am Hof mit Anzug und Aktentasche, greift im Wald als Amiens zur Gitarre, um dem exilierten Herrscher mit Rock die Zeit zu vertreiben. Garry Fischmann mimt den Ringer Charles, der bei jeder Dehnübung Gelenke krachen lässt. Im Wald mutiert er zum unglücklich verliebten Schäfer Silvius, der seine Liebe zu Phebe (Andrea Spicher) mit triefendem Schlager-Schmelz auslebt. Regine Andratschke mimt den alten Diener Adam sehr tatterig und kehrt im Wald als herrliche Audrey im schriller Dolly-Parton-Optik wieder.

Das Verwirrspiel bekommt den Charakter einer Nummernrevue, dass dem Zuschauer der Erzählfaden zu entgleiten droht. Aber man merkt es fast nicht, so lustig ist der Ringkampf, bei dem Charles seinen Gegner Orlando auf die Matte wuchtet wie ein Wrestler. Nach der Pause findet von Treskow doch zu einiger Konzentration, wenn die als Mann verkleidete Rosalinde ihren schwärmerischen Verehrer Orlando einer ernsthaften Liebesprüfung unterzieht und der dabei vergisst, dass er gerade einen „Mann“ küsst. Und das Finale, in dem sich der Apfel (Ausstattung: Sandra Linde und Dorien Thomsen) per Videoprojektion zum sprechenden Liebesgeist Hymen wandelt, ist von berückender Poesie.

Langweilig jedenfalls ist die Inszenierung nicht, obwohl sie fast drei Stunden währt. Was auch an einem sehr engagierten und konzentrierten Ensemble liegt. Die hochgewachsene Sandra Bezler gibt die Rosalinde als wunderbar selbstbewusste Lady. Aber gerade am Anfang bildet sie mit Ulrike Knoblochs Celia ein ansehnlich synchronisiertes Zickenpaar. Der eher unterwachsene Daniel Rothaug als Orlando bildet einen schönen Kontrast zu Bezler und überzeugt mit Überschwang. Dazu kommt ein prachtvolles Paar Narren: Jonas Riemers Probstein eher als geerdeter Konfettiwerfer und Gossenphilosoph, Christoph Rinkes Jaques wirkt mit seiner tänzerischen Physis fast wie ein flirrender Elf.

Gewiss findet von Treskow keinen neuen Blick auf Shakespeare. Aber sein philosophisches Lachtheater überzeugt doch durch Charme und Stil.

26.11., 7., 8., 9.12., 13., 15., 18., 20.1.; Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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