Claus Goedickes Fotos von „Dingen“ im Museum Quadrat Bottrop

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Tiefengenau porträtiert: Claus Goedickes Foto der Schnitte „Brot“ ist im Museum Quadrat in Bottrop zu sehen.

BOTTROP - Alltäglicher geht es kaum: Eine schlichte Scheibe Graubrot liegt auf einem Schneidebrett. Man sieht die feine Blasenstruktur des Sauerteigs, die der Backvorgang fixierte. Das Bild der Schnitte verführt zum Zugreifen. Man sieht auch die Fasern im Holz, die feinen Linien, die das Messer hineinschnitt. Das technisch perfekte Foto von Claus Goedicke heißt: „Brot“.

So einfach wirkt die aktuelle Ausstellung im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop. „Dinge“ zeigt der Fotograf Claus Goedicke in 65 Aufnahmen, und er wählte aus, was uns umgibt. Einen Apfel. Eine Axt. Einen Bleistift. Ein paar Körner Salz. Die Bilder bestechen zuerst durch ihre präzise Komposition und ihre Ausführung. Das so inszenierte Ding lädt ein zur Auseinandersetzung. Man möchte diesen Apfel packen und hineinbeißen, so knackig sieht die rote Schale aus, auf der das Tageslicht feine Reflexe wirft. Unverwechselbar wie ein Menschengesicht wirkt die Frucht durch das grüngelb geflammte Muster, das ihren Stängel umgibt. Sie hat ihren Auftritt auf einem Porzellanteller mit blauem Blattdekor.

Wie bei einem Passbild zeigt Goedicke die Objekte im Hochformat. Jedes platziert er auf einem besonderen Hintergrund. Er fotografiert mit einer Plattenkamera bei Tageslicht, nicht in strenger Aufsicht, sondern mit etwas Neigung, „damit man auch unter das Ding gucken kann“, damit das Bild das Volumen wiedergibt und nicht nur Fläche ist.

Goedicke, 1966 in Köln geboren, hat bei Bernd Becher studiert. Sein Ansatz, sozusagen einen Katalog dessen zu erstellen, was uns umgibt und mit dem wir umgehen, erinnert durchaus an die Serien, die Bernd und Hilla Becher von Bergwerken und Industriebauten aufnahmen. Er wechselt nur das Genre, von der Vedute zum Stillleben. Goedicke fotografiert, was man in die Hand nehmen kann. Und wofür er einen passenden Hintergrund findet, das Stück Fleisch, eine Partie mit Rippen, liegt auf einem faltigen graugrünen Papier, das auch einige Blutspritzer trägt. Der Bleistift liegt, exakt vertikal ausgerichtet, auf einem Blatt liniertem Papier, zum Einsatz bereit. Es muss passen: Der „Fisch“ ist ein bescheidener Hering, kein Angler-Angeber-Fisch wie ein Hecht.

Aber die Bilder leisten mehr. Einerseits zeigt er Archetypen, die eine Gattung repräsentieren. So wie August Sander in seinem Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ gleichsam einen Querschnitt durch die Gesellschaft geben wollte. Und schon Goedickes Bildtitel deuten das an: Ist nicht ein Ei wie das andere? Andererseits aber betont er bei jedem Motiv die Individualität des Dings. Die Axt und der Hammer weisen Gebrauchsspuren auf, Macken im lackierten Holzstiel zum Beispiel. Am Hammerkopf ist von der schwarzen Lackierung nur wenig übrig, an der spitzen wie der breiten Seite tritt das silbergraue Metall zutage. Goedickes Fotos sind mehrdeutig, sind zugleich Porträts der Objekte und visuelle Vokabeln.

Goedicke will noch etwas. Die Dinge, die er zeigt, werden sonst nur in kommerziellen Zusammenhängen abgebildet, als Waren, für die geworben wird. Entsprechend glatt sehen sie dann aus, unbenutzt, in bestem Licht, als Verführung zum Konsum. Goedickes Bilder hingegen kommen ohne eine Überredungsabsicht daher. Hier geht es allein darum zu schauen.

Wie vieldeutig die Bilder funktionieren, zeigt sich auch in der Hängung, die Goedicke selbst vorgenommen hat. Im Katalog treten die „Dinge“ dem Betrachter alphabetisch entgegen. Im Museum hingegen bildet Goedicke zum Teil Gruppen, die geradezu Erzählungen ergeben. Ist nicht das wie eine Wolke an die Wand gebrachte Ensemble aus Lippenstift, Kamm, Seife, Toilettenpapier, Kölnisch Wasser beinahe ein Protokoll der Morgentoilette, wie sie jeder Besucher ausführt? Eine weitere Bildgruppe kann man geradezu sakral lesen: Nägel, Hammer, ein Totenhemd, Würfel, Geld, eine Blutkonserve. Das versammelt alle Zutaten für eine Kreuzigung, mit dem Blut Christi im Zentrum, und selbst das Spielzeug passt, weil die römischen Söldner um das Gewand des Herrn würfelten. Man steht sozusagen vor einer Neuinterpretation der Leidenswerkzeuge Christi.

Man darf ganz schön viel assoziieren vor diesen vermeintlich einfachen Bildern.

Bis 7.5., di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr, Tel. 02041 / 29 716, www.quadrat-bottrop.de,

Katalog, Verlag Schirmer/Mosel, München, 39,80 Euro

Quelle: wa.de

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