„Comics! Mangas! Graphic Novels!“ in der Bonner Bundeskunsthalle

Der MAD-Titel von Basil Wolverton (1954) ist in Bonn zu sehen. - Fotos: Bundeskunsthalle

BONN - Geifer tropft dem Covergirl von den brüchigen Fangzähnen. Pusteln und Warzen überziehen ihr Gesicht. Wie Spaghetti fallen ihre Haare herab. Basil Wolverton hat sich 1954 redlich Mühe gegeben, das „Beautiful Girl of the Month“ der Zeitschrift „Mad“ in Szene zu setzen. Damit parodierte das Magazin das Titelblatt von „Life“, das Grace Kelly ähnlich im Profil zeigte.

Bei aller ätzenden Bosheit schaffte es Wolverton doch, seine Figur mit dem Betrachter flirten zu lassen. Man achte auf das Augenzwinkern. Die grandiose Montage ist in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen. Dort arbeitet die Ausstellung „Comics! Mangas! Graphic Novels!“ ein ganzes Medium auf. Die Bildergeschichten sind zwar spätestens seit einer großen Ausstellung im Louvre 1967 museumsreif. Sie werden auch in deutschen Museen gezeigt, zuletzt 2016 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle und in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Doch eine wirkliche Retrospektive von den Anfängen bis zur Gegenwart, die die wichtigen Künstler, Themen, Figuren berücksichtigt, die gab es noch nicht. In Frankreich wurde der Comic zur „neunten Kunst“ geadelt. In Deutschland, so sieht es Alexander Braun, wird das Medium immer noch nicht ernst genommen. Braun hat mit Andreas C. Knigge die Schau mit mehr als 300 Exponaten kuratiert.

Der Comic war gleich mehrfach ein Schlüsselmedium. Seinen Beginn machen die Kuratoren, ungeachtet von Vorläufern wie dem deutschen Bildgeschichtenautor Wilhelm Busch, im späten 19. Jahrhundert in den USA aus. Dort hatten die großen Zeitungen die Sonntagsbeilage mit farbigen Comics erfunden. Der erste war das „Yellow Kid“. Richard F. Outcault erfand die Figur 1894 für Joseph Pulitzers „The World“. Die Comics boten den Lesern leicht zugängliche Unterhaltung. Das aber war gekoppelt mit neuen Seh-Erfahrungen. Die Comics waren Avantgarde. Zum einen konnten sich hier Künstler wie der spätere Bauhaus-Pionier Lyonel Feininger erproben – und gutes Geld verdienen. Zum anderen entwickelten Zeichner wie Winsor McCay eine Optik, die den Surrealismus in seinen Traum-Geschichten um Jahrzehnte vorwegnahm. Eine Seite aus der Serie „Little Nemo in Slumberland“ von 1906 zeigt einen Elefanten näherkommen, bis der Leser dem Tier sozusagen ins Maul blickt, eine extremer Zoom-Effekt.

In den 1930er Jahren löste sich der Comic von den Zeitungen. Nun erschienen Hefte mit Bilderzählungen. Die Erfindung von „Superman“ beförderte den Erfolg, weitere Superhelden wie Batman, Wonder Woman, die Fantastischen Vier, Spider-Man folgten. Lange vor der Popmusik gab es damit eine eigene Jugendkultur. Zunächst versuchte man, sich die Helden dienstbar zu machen, zum Beispiel zur Stärkung der Wehrbereitschaft im Weltkrieg. So versenkt Superman auf einer Seite in der Ausstellung ein deutsches U-Boot.

Aber die Schau beleuchtet auch vieles, was heute fast vergessen ist, die vielen anderen Genres zum Beispiel, die sich der Comic erschloss. So zeichnete Jack Kirby nicht nur Superhelden-Comics wie die Fantastischen Vier, sondern auch romantische Liebesgeschichten. Es gab Krimi- und Horror-Serien, vieles trivial, manches bizarr, wie zum Beispiel eine Science-Fiction-Story von Wally Wood („Weird Fantasy“, 1952), in der Hitler von Außerirdischen auf die Erde gebracht wird, damit die Menschen sich ausrotten und der Planet frei wird zur Neubesiedelung. Und natürlich gab es die großartigen Geschichten, die Walt Disney für den Kosmos von Entenhausen zeichnen ließ. So sieht man eine Seite aus einer Geschichte mit Donald Duck von Carl Barks.

Manche Geschichten richten sich klar an ein erwachsenes Publikum, wie Harvey Kurtzmans „Corpse On The Imjin“ (1952), eine finster-nihilistische Erzählung aus dem Korea-Krieg.

Nun stellte die Politik die Bildhefte unter Ideologie-Verdacht. In den USA tobte die Kommunisten-Jagd McCarthys, aber man fürchtete auch in anderer Hinsicht um die Moral. Die US-Verlage reagierten mit einer rigiden Selbstzensur. Sexualität, Drogen, Scheidung, Fluchen waren tabu.

Grafisch entwickelt sich das Medium sensationell. Jack Kirby zum Beispiel lässt die menschliche Fackel in einem Blatt von 1970 in unvergleichlicher Dynamik durch große Tableaus fliegen, die Seite wurde zu einer ästhetischen Einheit.

Europa holte die Entwicklung nach, führend war hier der franko-belgische Markt mit grandiosen Serien wie Tintin (Tim und Struppi), Spirou und Fantasio, Lucky Luke und natürlich Asterix. Ihnen allen begegnet man in einem weiteren Ausstellungskapitel, wie auch den deutschen Serien, Rolf Kaukas „Fix und Foxi“, die sich an den Disney-Geschichten orientierten, und die Abenteuer der Digedags aus der DDR.

Die Schau widmet sich auch dem japanischen Manga und bietet zum Beispiel Original-Zeichnungen von Osamu Tezuka, dem Erfinder von „Astro Boy“. Man begegnet den provokativen Underground Comics, Robert Crumbs Held „Fritz the Cat“, und Gilbert Sheldons Fabulous Furry Freak Brothers, aber auch Art Spiegelmans Spiegelung des Holocaust in einer Mäusewelt, „Maus“. Und auch die neue literarische Form der Graphic Novel, des gezeichneten Romans, mit Werken von Hugo Pratt, Moebius, Jacques Tardi wird in einem Raum erschlossen.

Natürlich hat selbst eine so opulente Schau noch Lücken. Dennoch vermittelt sie eindrucksvoll die Entwicklung, die eigene Ästhetik und die Spannweite eines Mediums. Ein fantastischer Einstieg in ein faszinierendes Thema.

Bis 10.9., di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr, Tel. 0228/9171 200,

www.bundeskunsthalle.de

Katalog, 6 Hefte, je 8 Euro, zus. 32 Euro

Quelle: wa.de

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