Die Compagnie Alterballetto besticht bei den Ruhrfestspielen mit Spota und Foniadakis

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Wie eine Skulptur „bewegt“ sich die Compagnie Aterballetto aus Italien in „Antitesi“ bei den Ruhrfestspielen.

RECKLINGHAUSEN Es beginnt mit einem Lichtgestöber, einem virtuellen Sturm weißer Punkte, die über den Bühnenhintergrund rauschen und sich zu Strukturen formen: eine Kirche, ein Autobahnkreuz, ein Stadion. Denn es ist das Licht, das im Dunkeln der Stadt Konturen gibt und die Wege der Menschen im Überflug bezeichnet. Damit beginnt „Lego“, ein Tanzstück des Choreografen Giuseppe Spota, das er vor zwei Jahren für die italienische Truppe Aterballetto gemacht hat. Die Compagnie gastiert für drei Tage bei den Ruhrfestspielen mit einem Doppelabend: „Lego“ und „Antitesi“ von Andonis Foniadakis.

Beide Stücke dauern je ca. eine Dreiviertelstunde, beide arbeiten mit einer Grundlage von Modern Dance und mischen für die Spannung andere Stile hinein. Aber „Lego“ erzählt, wenn auch in abstrahierter Form, eher eine Geschichte, ist bildhafter und zugänglicher. Während die Formen vom Bühnenhimmel fallen, erkunden die Tänzer die Strukturen ihrer Kunst: Bewegungsmuster, Laufwege. Es ist etwas Spielerisches daran, wenn auch immer mit einer Prise Gewalt, denn das Entdecken ist gepaart mit dem Finden von Grenzen. Deswegen schleichen sich Ecken und Kanten in die Bewegungen ein. Spota greift auch auf die Gestensprache des Tanztheaters zurück.

Gruppen bilden und teilen sich, aber immer läuft jemand quer. Jede Szene hat etwas von der Spannung des Unerwarteten, eine sanfte Gegenläufigkeit. Jemand geht unvermittelt weg oder läuft in die andere Richtung. Timing und Tempo der Truppe sind großartig. Spota kleidet die Tänzer in Rottöne und stellt sie in warmes, indirektes Licht. Die Musik – eine geläufige Mischung von elektronischen, tanzbaren Kompositionen von Leuten wie Olafur Arnalds – liefert ein stetiges Pulsieren. Die Chorstücke haben wegen des Satzgesangs etwas Rituelles, fast Kirchliches. Eigentlich das Herzstück ist ein Duo, in dem er sie an ihrem Trikot pendeln lässt, sie anzieht und abstößt. Und doch bewegt sich das Paar, als stiegen sie nach einem heißen Tag in kühles Wasser und streckten wohlig die Glieder.

„Antitesi“ dagegen stellt, wie der Titel verspricht, Gegensätze auf: Weichheit und Härte, Zärtlichkeit und Brutalität. Dass die Tänzerinnen teils Hosen tragen, die Männer aber wehende Röcke, ist selbstverständlich Statement. Elektronisch verzerrte Gitarren wechseln sich mit barocken Sonaten und Chorsätzen von Scarlatti oder Pergolesi ab. Die Gruppe zeigt dazu so etwas wie eine bewegte Skulptur. Formal stehen sie geordneter als im ersten Stück, aber wenn das aufbricht, herrschen Kampf- und Imponiergesten vor. Vieles wirkt ungeordnet: brutale Gesten, schnelle Szenenwechsel. Erst spät erlaubt sich das Stück etwas Ironie, wenn die Männer in Spitzenschuhen auftauchen und tadellose Doppelpirouetten drehen. Wie eine Klammer wirken zwei Soli: eines von einem Mann mit zwei Leuchtstäben zu Anfang, eines von einer Frau mit einer Leuchtkugel, und wie keck sie sich präsentieren. „Antitesi“ ist Show, und einige Elemente dieser Show wirken so unvermittelt, dass man sich einfach auf sie einlassen muss. Schön, wenn Foniadakis auch damit bricht und vier Männer als vier Grazien in Röcken tanzen lässt. Diese Szene ist fern von Ironie oder Kraftmeierei ein sehr männlicher, kraftvoller Tanz, in dessen Brüchen Eleganz liegt.

Edda Breski

heute, 20 Uhr; Tel. 02361/92180; www.ruhrfestspiele

Quelle: wa.de

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