Conrad, Osterhammel publizieren „Geschichte der Welt. 1750–1870“

Der Bau des Suezkanals war eine Sensation. Zehn Jahre lang baute eine französisch-ägyptische Gesellschaft unter der Führung des Ingenieurs Ferdinand de Lesseps an der 162 Kilometer langen Verbindung zwischen Mittel- und Rotem Meer. Als der Kanal 1869 fertig war, verkürzte er die Reisezeit von England nach Indien um die Hälfte. Für die Zeitgenossen war die Wasserstraße ein Weltwunder.

Für Historiker ist der Suezkanal nur ein Beispiel für einen beispiellosen Wandel in der Weltgeschichte. Im 19. Jahrhundert rückte die Welt ein ganzes Stück zusammen. Die Epoche von 1750 bis 1870 steht im Mittelpunkt des vierten Bandes der „Geschichte der Welt“. Das ambitionierte Buchprojekt vertritt eine explizit globalgeschichtliche Perspektive, getreu der Einschätzung des britischen Historikers Christopher Bayly, dass heute jegliche Geschichte Weltgeschichte sei.

Federführend für den aktuellen Band der Reihe sind die Historiker Sebastian Conrad (Berlin) und Jürgen Osterhammel (Konstanz). Letzterer hatte mit „Die Verwandlung der Welt“ 2009 bereits eine ebenso umfangreiche globale Darstellung des 19. Jahrhunderts vorgelegt. Der aktuelle Band vereint kultur-, politik-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Ansätze; die Beiträge stammen neben Conrad und Osterhammel von den renommierten Fachkollegen Cemil Aydin (Chapel Hill), Akira Iriye (Harvard) und R. Bin Wong (Los Angeles).

Eisenbahnen und Dampfschiffe ermöglichten im beginnenden Industriezeitalter nicht nur schnelleres Reisen für immer mehr Menschen; Telegraphen (1837) und das erste Transatlantikkabel (1866) übermittelten Nachrichten, die vorher Tage oder Wochen unterwegs waren, in Stunden. Die Zeitwahrnehmung ist einer der interessantesten Aspekte, den die Autoren ausbreiten. In der Moderne war die Zeit eine lokale Größe, wich von Stadt zu Stadt voneinander ab. Die Eisenbahn setzte nationale Zeitanpassungen durch, um exakte Fahrpläne schreiben zu können. Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich der Gregorianische Kalender weltweit durch, er folgte den europäischen Armeen und musste manchmal gegen den Widerstand der örtlichen Bevölkerung durchgesetzt werden.

Nur ein kleiner Teil der Menschheit lebte um 1900 im Eisenbahnzeitalter, die meisten Menschen lebten nach wie vor auf dem Land. Im ländlichen Afrika bekamen Dorfbewohner ihr Leben lang keinen Europäer zu sehen. Doch in der Wahrnehmung der gebildeten Stände wuchs die Welt tatsächlich zusammen. Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ (1873) beschreibt die Stimmung. Die amerikanische Journalistin Nellie Bly schaffte die Reise 1889 sogar in 72 Tagen und wurde damit genauso wie Vernes Roman global wahrgenommen.

Zum weltweiten Staatensystem des 19. Jahrhunderts gehört den Autoren zufolge ein weltweites System der Märkte und des Kapitals, möglich nur durch die „mehr oder weniger sichtbare Faust der imperialen Mächte“. Der Westen wurde zum omnipräsenten Bezugspunkt. „Wege zur modernen Welt“ erklärt all dies schlüssig, umfangreich und hintergründig.

Sebastian Conrad / Jürgen Osterhammel (Hg.): Geschichte der Welt. 1750–1870. Wege zur modernen Welt. Verlag C. H. Beck: München. 1002 Seiten. 49,95 Euro

Quelle: wa.de

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