Conrad-von-Soest-Preis für Andreas Siekmann

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Andreas Siekmann mit einer Figur aus „Woher kommt die Kohle, wer zahlt die Zeche“ in Münster.

Münster - Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Bastelarbeit: Ein erhöhter Tisch mit einer Art Modellbahn und kleinen Spielfiguren drauf. Tatsächlich steht die Vorlage für das Objekt im Landesmuseum für Kunst und Kultur noch in Dinslaken. Es ist der Rundeindicker der ehemaligen Zeche Lohberg, ein massiver Betonbau, rund 25 Meter hoch.

Der Künstler Andreas Siekmann hat dafür ein Konzept entwickelt, das Teil der Umformung des Industrieareals zum Kulturgelände sein sollte. Seine Arbeit „Woher die Kohle kommt und wer die Zeche zahlt“ arbeitet mit drei Elementen. Auf dem Rundeindecker sollte ein „Theatrum Mundi“ errichtet werden, ein Schienenkreis mit Loren, auf denen die Akteure des Bergbaus symbolisch fahren. Im Gebäude sollten Tafeln mit Piktogrammen Informationen darüber vermitteln, woher die Energieunternehmen jetzt die Kohle beziehen, die sie einst in Dinslaken fördern ließen.

Diese Kohle wird nun zu Dumpingpreisen und mit extremen Folgen wie Vertreibungen, Umweltvernichtung und Ausbeutung aus Kolumbien importiert. Eine meterhohe Texttafel gegenüber dem Bau sollte das visualisieren unter der Überschrift „Hier leistet sich die Ruhrkohle AG einen offenen Tagebau“. Obwohl der Fachbeirat empfahl, die Arbeit zu verwirklichen, geschah das nicht. Angeblich, sagt Siekmann, sei der Rundeindicker baufällig – und man hört, dass der Künstler seine Zweifel hat. Zumal das Geld für die Stadterneuerung von der RAG kommt. Und welcher Manager findet sich schon gern als japanische Manga-Plastikfigur wieder?

Immerhin kann man im Landesmuseum in Münster nun ein kleines, aber alle Informationen lieferndes Modell betrachten. Und man sieht an einem Musterbeispiel, wofür der 1961 in Hamm geborene Künstler gestern mit dem Konrad-von-Soest-Preis des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (12 800 Euro) ausgezeichnet wurde. Siekmann schaffe es „auf eindringliche Weise und in einer unverwechselbaren künstlerischen Sprache, Einblicke in komplexe Zusammenhänge zwischen lokalem Strukturwandel und globaler Wirtschaft zu geben“, sagte LWL-Direktor Matthias Löb.

Siekmann ist der wohl politischste Soest-Preisträger. Seine Arbeiten setzen Recherchearbeiten zu relevanten sozialen und politischen Fragestellungen in aufwendigen Inszenierungen um, mit skulpturalen Elementen, aber auch mit Text-Bild-Tafeln, die komplexe Sachverhalte in verständliche Piktogramme übersetzen.

In der Schau blättert er zugleich sein Skizzenbuch auf, mit knapp 70 Aquarellen, auf denen er weitere Projekte skizziert: „Aufzeichnungen aus einem postfaktischen Zeitalter“, wobei er den Begriff schon benutzte, bevor er in aller Munde war. Siekmann, der heute in Berlin lebt und unter anderem als Professor für Raumstrategien an der Kunsthochschule Weißensee arbeitet, empfindet Abscheu vor der „Investorenarchitektur“ in der Metropole.

Eine Reaktion skizziert er: Man könnte doch die Bäume, die Architekten aus Holz und anderen Materialien in ihre Modelle setzen, auch real nicht pflanzen, sondern durch billige Baumskulpturen ersetzen. Es würde den künstlichen, lebensfeindlichen Charakter dieser Stadtgestaltung demaskieren. Auf einer anderen Serie zeichnet er die Firmensitze der wichtigsten Kanzleien zur Steuervermeidung in Luxemburg, und an jede Fassade platziert er ein Spruchband: „Refugees welcome“.

Bis 12.2.2017, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 590 701; www.lwl-museum-kunst-kultur.de.

Quelle: wa.de

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