„Continuity of Man“: Das Mittelmeer-Projekt von Nick Hannes in Iserlohn

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Zwei Welten treffen aufeinander am Strand von Saint Tropez: Der belgische Fotograf Nick Hannes machte die Aufnahme der Nudistin mit dem Souvenirverkäufer aus dem Senegal. Sie ist in Iserlohn zu sehen.

ISERLOHN - Schöner kann ein Strand kaum in der Sonne liegen. Der Himmel so blau, das Meer so klar, ein wenig weiße Gischt. Und auf einer Liege eine Sonnenanbeterin, nackt bis auf einen kecken Strohhut, so dass man deutlich sieht, wie sich die Haut an ihrem Rücken in Falten legt. Vor der Frau hockt ein afrikanischstämmiger Strandverkäufer, der ihr ein Armband anlegt.

Das Bild erzählt viele Geschichten, in der Konfrontation von sich erholender Herrin und einem Diener auf Zeit. Eine geradezu höfische Situation, die ihre Pointe dadurch bekommt, dass die Wohlhabende sich unbekleidet präsentiert, während der Habenichts mit seiner Ramschware ein ordentliches Hemd trägt, also bürgerlichen Kleidungskonventionen folgt. Die scheinbar so beiläufig-alltägliche Szene aus Saint Tropez bildet einige Probleme der Gegenwart ab: Migration in einer Überflussgesellschaft. Ausgrenzung. Extremen Konsum – man schaue nur auf die Yachten, die am Horizont ankern. Der Fotograf Nick Hannes hat die Szene zufällig gefunden und fixiert. Sein Bild ist in der Ausstellung „Mediterranean – The Continuity of Man“ zu sehen. Die Städtische Galerie Iserlohn zeigt die Schau erstmals in Deutschland.

Der Anfang wirkt wirklich heiter und gelassen: Eine ganze Wand ist tapeziert mit Impressionen von den Stränden des Mittelmeers. Der zweite Blick lässt hier stutzen: Das Menschengewimmel aus La Grande Motte (Frankreich) mit Hotelhochhäusern im Hintergrund, die wirken wie Raumschiffe. Die nicht mehr ganz junge Frau, die im Sand in Ulcinj (Montenegro) liegt wie eine Leiche. Da sind zwei fröhliche Strandszenen. Links buddeln sich Halbwüchsige übermütig ein, bis vom Kumpel nur noch der Kopf herausguckt. Rechts macht eine junge Bikiniträgerin ein Selfie von sich vor ihren Freunden. Zwei Bilder, zwei Strände, links Gaza, Palästina, rechts Tel Aviv, Israel. Da fällt vielleicht auf, dass auf dem linken Bild die Mädchen fehlen.

Oder man merkt auf, wenn man die Ortsangabe Lampedusa, Italien, liest, den Namen jener Insel, auf der sich das Flüchtlingselend des Mittelmeers zuspitzte. Und auf einmal erkennt, dass die jungen Männer im Vordergrund auf dem nackten Felsen hocken, mit ein paar Plastikflaschen, während direkt nebenan am Strand die Touristen auf Liegen und unter Sonnenschirmen entspannen. Nicht einmal im Badevergnügen gibt es Gleichheit. Und die Massenflucht ist durchaus präsent, auch ohne Flüchtlingsboote und dramatische Bilder von Geretteten.

Nick Hannes hat für „Mediterranean“ den Mittelmeerraum jahrelang bereist. Der 1974 in Antwerpen geborene Fotograf hat den Ausstellungstitel von Ernle Bradford übernommen, der schrieb, das Mittelmeer feiere die „Continuity of Man“, das Fortdauern des Menschen. Der englische Reiseschriftsteller sah dieses Meer noch als Ort des Austauschs und der Begegnung. Hannes‘ Bilanz in Bildern fällt viel pessimistischer aus. Er erzählt in eindringlichen, oft pointierten Aufnahmen von der Verwüstung der Landschaft durch den industriell betriebenen Tourismus, von Bürgerkriegen, Hass, Gewalt, vom Nebeneinander von Überfluss und Elend.

Er sucht dabei nicht den Weg an die Front. Aber es gibt verstörende Fotos in der Schau. Zum Beispiel die Aufnahme der afrikanischen Migranten in Athen, die offensichtlich an einer stacheldraht-bekrönten Mauer hausen, auf nichts als Karton. Ein anderes Bild zeigt Flüchtlinge, die nachts in den Stein- und Betonhaufen abgerissener Häuser kauern. Auf einem ruhigen Bild schauen drei Helmträger in eine Felshöhle. Erst der Kommentar schlüsselt die Szene auf: Archäologen des Komitees für vermisste Menschen untersuchen auf Zypern einen Brunnen, in dem wahrscheinlich Opfer des Bürgerkriegs liegen. Und die Front des Ladens für lustigbunte Rucksäcke im libyschen Misrata ist übersät mit Einschusslöchern.

Harte Kontraste entstehen durch die Nachbarschaft solcher Aufnahmen mit Szenen des Luxus, zum Beispiel einem Zigarrenraucher in der Lounge eines Kreuzfahrtschiffs. Nick Hannes geht dahin, wo es weh tut. Die beiden Prostituierten in Rom waren wütend, als sie sahen, dass er die Kamera auf sie richtete. Und in Libyen wurde er mehrere Tage lang inhaftiert. Man hielt ihn für einen Spion. Aber der Fotograf will nicht schockieren. Viele Bilder entwickeln einen trockenen Humor. Man muss die Absurdität erkennen beim Hotelkomplex in Manga del Menor, wo die Badewiese um die Pools eine Oase zwischen grauem Beton und grauem Staub bildet.

Hannes, der Fotografie an der Kunstakademie in Gent lehrt, glaubt, dass man gute Bilder nicht zufällig findet. Man müsse nachhelfen, sich vorab informieren und bestimmte Orte suchen. So wie er im griechischen Ort Rio tagsüber an einer Tankstelle vorüberfuhr, an der gedeckte Tische standen. Er fragte nach und erfuhr, dass der Besitzer heiratete. Einen Saal konnte er sich in der Wirtschaftskrise nicht leisten. Also feierte er hier, zwischen Tanksäulen. Er lud Hannes ein. Das Bild mit den Tänzern, das hier entstand, wurde weltweit nachgedruckt. Und Christos bedankte sich später: „Du hast mich in ganz Griechenland berühmt gemacht.“

Bis 29.10., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/ 217 1940,

www.iserlohn.de/kultur/

staedtische-galerie/

Begleitbuch (engl./nl.) 35 Euro

Quelle: wa.de

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