Countertenor Philippe Jaroussky begeistert mit „Orpheus“-Szenen in Dortmund

+
Kongenial: Amanda Forsythe und Countertenor Philippe Jaroussky im Konzerthaus Dortmund.

DORTMUND Warum hat er sich nur umgedreht? Der Schlüsselmoment aus dem Orpheus-und-Eurydike-Mythos ist verschieden gedeutet worden. In Monteverdis „Orfeo“, der wohl ersten Oper der Geschichte, hält der Sänger die Ungewissheit nicht aus.

Im Konzerthaus Dortmund singt der derzeit wohl größte Countertenor Philippe Jaroussky als Höhepunkt und folgerichtiges Ende einer Leidensgeschichte: Orfeo hat sich seinen Weg in die Unterwelt ersungen, hat sein Leiden dem Fährmann Charon geschildert und selbst den Totengott überzeugt. Der gibt ihm seine Eurydike wieder, unter der grausamen Bedingung, dass Orpheus sie auf dem Weg aus der Totenwelt nicht anschauen darf. Das erträgt er nicht, das ist unmenschlich. Jaroussky holt seine Klage auf den Boden der Sterblichen, erdet seine Stimme, die zu reinsten Sopran-Höhenflügen fähig ist. Er singt wie ums Sterben.

Jaroussky und seine kongeniale Partnerin, die Amerikanerin Amanda Forsythe, gaben in Dortmund ein außergewöhnliches Konzert mit Schlüsselszenen aus „Orpheus“-Vertonungen von der Renaissance bis in die Vorklassik. Die erste Konzerthälfte verband Szenen von Monteverdi (1607), der 40 Jahre später entstandenen Version von Luigi Rossi und der noch knapp 30 Jahre jüngeren Oper von Antonio Sartorio.

Dirigent Diego Fasolis verbindet mit seinem Ensemble I Barocchisti die Szenen bruchlos. Das wirkt wie aus einem Guss, weil er für Farbigkeit und theatralische Qualität der Musik ein starkes Gespür hat und am Wechselpunkt die Stimmung der vorausgehenden Szene sensibel aufnimmt. So entsteht eine Mini-Oper für zwei, von den ersten Bekenntnissen der Liebe zur Sterbeszene der Eurydike, die von einer Natter gebissen wird und ins Schattenreich entrückt wird.

Die Traumszene aus Sartorios „Orfeo“ nutzt ein übliches Stilmittel der frühen Oper: Eine Hauptperson schläft, seine Bewusstlosigkeit entrückt ihn in ein Zwischenreich. Amanda Forsythe erscheint als tote Eurydike dem schlafenden Orpheus. Sie führt ihren Sopran ganz rein, in die Schwelltönen legt sie aber mehr Fülle, mehr Vibrato, mehr Körperlichkeit: eine Sehnsucht nach Leben. Danach singt Jaroussky die Szene „Possente sprito“ von Monteverdi, den Gesang vor Charon, dem Fährmann, und das muss man gehört haben, wie Jaroussky die Gesangslinie flackern lässt, ohne sie wirklich zu unterbrechen, und wie das Flackern als Echo durch die Geigen läuft. Der Klang umfasst den Raum, öffnet die Kluft zwischen dem Hier und dem Jenseits. Fasolis trennt seine zwei Zinke, einer bleibt im Orchester, der zweite antwortet aus dem Hintergrund. Die Antwort auf die Klage kommt von der Harfe wie aus der Geisterwelt. Die Musiker der Barocchisti sind kongeniale Partner der Sänger, aber der Schlüsselreiz dieses Abends ist die Stimm-Mischung von Jarousskys silbernem, erdentrücktem, in Schlüsselszenen jedoch geerdeten und voluminöserem Timbre und Forsythes im Vergleich körperlicherer, irdischerer Stimme.

Von Sartorio stammt hier die Schlüsselszene, in der Orpheus die Ungewissheit nicht erträgt und sich umdreht, wissend, dass er sie so verliert. Jaroussky singt wie ums Leben, mit technischen Möglichkeiten, die scheinbar keine Grenzen kennen, besonders aber mit einer Ausdruckskraft, deren Effekte sich rein aus der Musik ergeben.

Die zweite Konzerthälfte führt in die Vorklassik. Christoph Willibald Gluck war ein wichtiger Opernreformer, der von der Ausschmückung der Operncharaktere des Spätbarock eine Entwicklung zu einer humaneren Charakterisierung seiner Figuren suchte. Aus seinem „Orpheus“ (1762) ist vor allem die Klage „Ach, ich habe sie verloren“ bekannt. Das Herzstück an diesem Abend ist aber die Szene, in der Eurydike selbst den Orpheus anfleht, sie anzuschauen – sie zu erkennen. Amanda Forsythe lässt ihren Part funkeln und glänzen, eine heimliche Verführung, und er gibt ihr nach – wissend, dass er sie in jedem Fall verliert.

Das Publikum feierte ein Konzert auf künstlerisch höchstem Niveau. Zum Dank gab es als Zugabe das Schlussduett aus Monteverdis „Incoronazione di Poppaea“ auf ebenso herrlichem Niveau.

Edda Breski

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare