„Dancing With Myself“: Werke der Sammlung Pinault im Museum Folkwang

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Der Kopf dampft: Alighiero Boettis „Autoritratto“ (1993/94) ist in Essen zu sehen.

ESSEN - Der Bronzemann hält einen Schlauch in der Hand, aus dem Wasser auf seinen Kopf spritzt – und dort verdampft. Alighiero Boettis Selbstporträt scheint eine wundervoll leichte Ironisierung des kreativen Prozesses zu sein: Der vor Ideen heißlaufende Kopf braucht Abkühlung. Aber der Künstler hatte, als er das Werk schuf, bereits die Diagnose eines Hirntumors bekommen, dem er ein Jahr später, 1994, erlag. So hat die Arbeit zugleich eine existenzielle Bedeutung.

Zu sehen ist sie im Foyer des Essener Museums Folkwang, sie eröffnet die Ausstellung „Dancing With Myself“. Die Schau ist die erste Zusammenarbeit eines deutschen Museums mit der Sammlung des französischen Unternehmers Francois Pinault (80), dem nicht nur Modemarken wie Yves Saint Laurent und Gucci, die Buchhandelskette fnac und die Sportartikelfirma Puma gehören, sondern auch hunderte von Werken der Gegenwartskunst. Um sie zu präsentieren, hat er unter anderem den Palazzo Grassi in Venedig zu einem Museum umbauen lassen.

Aber die Sammlung arbeitet auch mit anderen Institutionen zusammen. Dabei, so betont Martin Bethenod, Direktor des Palazzo Grassi, der mit Florian Ebner vom Museum Folkwang die Essener Schau kuratiert hat, geht es nie darum, Meisterwerke aneinander zu reihen. Man bearbeitet Themen, obwohl natürlich hochgehandelte Stars der Gegenwartskunst vertreten sind. So wie in der aktuellen Schau, die den Titel von einem Song von Billy Idol von 1982 übernahm. Die 115 Werke von 30 Künstlern stammen zu zwei Dritteln aus der Sammlung Pinault, den Rest steuerte das Folkwang bei, eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Sie zeigen Selbstporträts, freilich nicht im klassischen Sinn. In den Gemälden, Fotos, Videos, Skulpturen geht es um Aspekte der Identität, sei es die Rolle des Künstlers, sei es im sozialen oder politischen Sinn. Die ältesten Exponate stammen von Claude Cahun (1894–1954), auf einem von 1929 posiert die französische Künstlerin in einer Art Priesterornat, und es fällt schwer zu entscheiden, ob man einen Mann sieht oder eine Frau. Sie nimmt in ihren Selbstinszenierungen vieles vorweg, was die US-Künstlerin Cindy Sherman später perfektionierte. Sherman ist ein ganzer Raum gewidmet, mit Videos aus der Anfangszeit ihrer Karriere, mit frühen „Film Stills“ und mit den großformatigen C-Prints der letzten Jahre, auf denen sie wie eine Filmdiva oder eine britische Adlige erscheint. Stets sieht man sie, und doch würde man sie auf der Straße wahrscheinlich nicht erkennen, weil sie völlig in ihren Rollen verschwindet.

Von Bruce Nauman sieht man frühe Arbeiten wie „Bouncing in the Corner“ (1968). Dabei filmte er sich, während er seinen Körper eine Stunde lang in einer Ecke seines Ateliers gegen die Wände fallen ließ. Den Gegenpol markiert die monumentale Videoinstallation, die auf vier Leinwänden seine Hände zeigt, während er Finger krümmt oder streckt. Aus dem Off erklingen Kommandos, die freilich nicht immer zu den ausgeführten Gesten passen. „For Beginners (all the combinations of the thumb and fingers)“ (2010), erstmals in Deutschland zu sehen, spielt mit dem Pathos des Formats und der Mathematik. Die Arbeit korrespondiert mit einer Fotoserie des Bauhaus-Künstlers Kurt Kranz aus der Folkwang-Kollektion, der in „Die falsche Neun“ Finger ganz ähnlich fotografiert – 1930/31.

Die Vergänglichkeit des Ichs thematisiert Félix González-Torres (1957–1996) mit einem großen Vorhang aus roten und weißen Schnüren. Als Selbstporträt ist das auf den ersten Blick nicht zu identifizieren, aber die Plastikkugeln an den Schnüren von „Untitled (Blood)“ (1992) stehen für die roten und weißen Blutkörperchen des an Aids erkrankten kubanischen Künstlers. Der in New York lebende Maler Rudolf Stingel verwandelt Fotos von sich in Monumentalgemälde. In „Untitled (After Sam)“ (2006) sind hyperrealistisch die Spuren wiedergegeben, die zum Beispiel eine festgeklebte Flasche auf der Vorlage hinterlassen hat.

Man sieht in Essen auch frühe Arbeiten des Duos Gilbert & George, die ihre Körper als „living sculptures“ auffassen, die in den Posen britischer Bürgerlichkeit fotografiert und zu ikonischen Tableaus montiert werden. Auf diese eingefrorenen Choreografien reagiert Maurizio Cattelan mit seiner Skulptur „We“ (2010), die zwei Versionen des Künstlers in Anzügen nebeneinander im Bett zeigen.

Dezidiert politisch funktionieren die Bilder der Afro-Amerikanerin LaToya Ruby Frazier, die sich und ihre Familie in der Ästhetik der dokumentarischen Fotografie der 1930er Jahre darstellt. So schlägt sie einen Bogen von der damaligen Wirtschaftskrise zum aktuellen Verfall in ihrer Heimat, der einstigen Stahlregion Pennsylvania.

Die Koreanerin Kimsooja sieht man in ihrer Videoarbeit „A Needle Woman“ (1999–2001) nur von hinten. Sie stellt sich in das Treiben von Metropolen wie Tokio und Shanghai. Ihr Posieren macht sie zum Fremdkörper in den dahineilenden Passanten, und man sieht die irritierten Blicke der Vorübergehenden auf die erstarrte Frau.

Aber auch für skurrilen Humor ist Platz in dieser facettenreichen, anregenden Schau. Wie im Video von Rodney Graham, „City Self/Country Self“ (2000), in dem er als Dandy des 19. Jahrhunderts durch ein Provinzstädtchen flaniert – und sich selbst begegnet, diesmal als schäbiger Landmann. Und da versetzt der Künstler sich selbst einen herzhaften Tritt in den Hintern.

Bis 15.1.2017, di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 8845 000,

www.museum-folkwang.de

Katalog (engl. mit dt. Texteinleger), Steidl Verlag, Göttingen, 40 Euro

Quelle: wa.de

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